Ausgabe: September-Oktober 2025
SchwerpunktWarum wir Christen Kirchen bauen
Architektur – Kunst – Liturgie
Warum bauen Christinnen und Christen Kirchen? Die Entwicklung des Sakralbaus erzählt von sich wandelnden Vorstellungen vom Jenseits – vom Himmlischen Jerusalem bis zum modernen Gottesdienstraum. Architektur, Kunst und Liturgie führen dabei immer wieder neu in die Tiefe des Glaubens.
Kirchtürme prägen die Landschaft im Bistum Passau. Ihre Vielzahl wirft die Frage auf: Warum bauen Christinnen und Christen Kirchen? Die Geschichte des Kirchenbaus ist auch eine Geschichte wechselnder Gottesbilder und liturgischer Erneuerung. Kirchen waren stets mehr als nur Versammlungsorte. Sie sind Zeichen des Glaubens und Spiegel theologischer Entwicklungen.
Das Christentum kennt keine Tieropfer, da Christus selbst sich für die Sünden der Menschen geopfert hat. Christinnen und Christen brauchen demnach auch keine Brandopferstätte, sondern versammeln sich seit der frühchristlichen Zeit um einen Altar, um Eucharistie zu feiern. Fanden diese Versammlungen zunächst in Privathäusern statt, wurden bereits vor der konstantinischen Wende eigene Versammlungsräume gebaut, die mit einem Altar ausgestattet waren. Neuere Forschungen belegen, dass diese Räume gezielt für den Gottesdienst errichtet wurden.
Mit der Einführung des Staatskirchentums und der freien christlichen Religionsausübung wurden bald größere Versammlungsstätten notwendig. Die Kirche griff dabei ohne Vorbehalte auf profane Bauformen zurück – auf die römische Basilika mit ihrem hohen Mittelschiff, den Seitenschiffen und der Apsis, in der der Richter- oder Herrscherstuhl stand. Diese Form wurde übernommen und umgedeutet: Der Altar rückte in den Fokus und die Apsis wurde mit Mosaiken geschmückt, die Christus als Pantokrator oder den Guten Hirten zeigten. Diese Basilikaform blieb bis ins 19. Jahrhundert prägend und ist bis heute identitätsstiftend.
Seit der Gestaltung der frühchristlichen Basiliken mit christlichen Motiven gilt bis in die Gegenwart, dass die Kirche die Unterstützung der Künste sucht, um liturgische Orte „wahrhaft würdig und schön“ zu gestalten, als „Zeichen und Symbole höherer Wirklichkeiten“ (Grundordnung des Römischen Messbuchs).
Die früheste bekannte, wenn auch stark veränderte christliche Basilika ist San Giovanni in Laterano, die erste von Kaiser Konstantin 312 gestiftete Kirche und bis heute Kathedrale des Papstes.
Romanik und Gotik: Kirchen für das Himmlische Jerusalem
Nachdem Mitteleuropa christianisiert war, entstanden in der karolingischen und ottonischen Zeit schlichte Steinbauten mit kleinen Fenstern. Mit der Romanik kamen gemauerte Gewölbe auf, die aus bautechnischen Gründen auf massiven Mauern ruhten. Die Kirchen wirkten gedrungen und dunkel. In dieser Zeit entstanden die ersten monumentalen Radleuchter, die in symbolischer Form das Himmlische Jerusalem darstellen – gemäß der Offenbarung des Johannes. Türme und Tore, meist von Propheten und Aposteln besetzt, bilden die Stadtmauer. Die Zahl Zwölf (Türme) und deren Vielfache entsprechen der Zahlensymbolik der Apokalypse.
Mit zunehmendem Fortschritt der Bautechnik öffnete sich der Raum: In der französischen Hochgotik blieben fast nur noch Pfeiler als statisches Tragwerk übrig. Die gotischen Kathedralen mit ihren farbigen Fenstern und lichtdurchfluteten Räumen verkörpern das Paradies auf Erden. Für die in der Apokalypse beschriebenen Edelsteine stehen die farbigen Glasfenster – etwa im Regensburger Dom, die bei Sonnenschein geradezu zu leuchten beginnen. So sollte den Menschen erfahrbar gemacht werden, was es bedeutet, in den Himmel zu kommen.
Die gotische Kirche wurde zur begehbaren Theologie, zur Vision des Himmlischen Jerusalem. Der Raum selbst predigt von der Verheißung des ewigen Lebens. Zwischen dem 12. und frühen 16. Jahrhundert entstand eine erstaunlich große Zahl gotischer Kirchen in Mitteleuropa, darunter viele spätgotische Bauten im Bistum Passau.
Barock: Das Paradies als Festsaal
Mit dem Beginn der Neuzeit wurde der Bau großer gotischer Kirchen eingestellt. Neue Erkenntnisse in der Astronomie veränderten das Weltbild: Die Erde kreist um die Sonne, das All ist unvorstellbar weit. Die künstlerischen Darstellungen des Himmlischen Jerusalem verschwinden, der Himmel wird nun als Wolkenhimmel gezeigt – mit Engeln, die durch ein Lichtloch auf die Erde kommen.
Dennoch vermitteln die Barockkirchen einen Eindruck des Paradieses – nun in einem übertragenen Sinn: Sie sind als Festsäle für die Liturgie gestaltet und vermitteln mit Stuck, Farben, Figuren und Gold einen transzendenten Blick in den Himmel.
Barocke Kirchenräume wurden zentriert auf den Hochaltar konzipiert, auf dessen Altartisch die Eucharistie gefeiert wurde, sichtbar für die Gläubigen. Die Lettner (Schranke aus Holz oder Stein, die den Chorraum und den übrigen Kirchenraum trennt, Anm. d. Redaktion) wurden entfernt und durch Kommuniongitter ersetzt. Es entstanden Wandpfeilerkirchen ohne störende Pfeiler im Innenraum. So wurde eine neue Raumwahrnehmung möglich. In der Passauer Studienkirche ist dieser Kirchenraumtypus idealtypisch verwirklicht: freier Blick auf Kanzel und Altar.
Diese im Geiste des Trienter Konzils entstandenen Räume blieben in ihrer theologischen Konzeption nahezu 400 Jahre prägend – bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil.
Das Zweite Vatikanische Konzil und der moderne Kirchenbau
Mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils erhielt der Kirchenraum, insbesondere der Altar, eine veränderte Funktion. Die „Wegekirche“, ausgerichtet auf den Hochaltar, wurde verlassen. Neue Grundrissformen hielten Einzug: runde Zentralräume, Oktogone, Ellipsen. Der Altar wird so im Raum errichtet, dass die Gottesdienste „versus populum“, also zum Volk hin, gefeiert werden können.
Die historischen Kirchen mit einem zusätzlichen Altar samt Ambo auszustatten, war und ist eine große Herausforderung. Einerseits gilt es, im vorhandenen Altarraum Platz zu schaffen, andererseits stellt sich die Frage nach der ästhetischen Gestaltung der neuen liturgischen Orte. Häufig wurden diese als Stilkopien gebaut – als historisierende Holzkisten, die neben einem prachtvoll gestalteten Hochaltar schwer bestehen können.
Deshalb wurden diese Lösungen zunehmend durch Neugestaltungen ersetzt, die künstlerische Handschriften der Gegenwart zeigen. Viele Beispiele belegen, dass historische Räume moderne Kunst überzeugend integrieren können. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Kunst in der Kirche vornehmlich Dienerin der Liturgie ist, die die Gläubigen zu Christus führt – dem, den der konsekrierte Altar verkörpert.
Die Kirche St. Paul in Passau ist ein gelungenes Beispiel für diese Entwicklung.
Schlichtheit und Symbolkraft in der Gegenwart
Den Kirchen der Gegenwart wird gelegentlich vorgeworfen, sie seien kahl und nüchtern. Doch in einer von visuellen Medien überfluteten Zeit kann gerade die Schlichtheit solcher Räume wohltuend wirken und dazu beitragen, dass sich der Mensch auf das Wesentliche konzentriert: auf die Feier der Eucharistie, auf die Gegenwart Christi.
Moderne Kirchen suchen die Transzendenz nicht durch ästhetische Überfülle, sondern durch Reduktion. Licht, Material, Akustik und Proportion treten an die Stelle von Bildfülle und Goldglanz. Die Architektur selbst wird zur spirituellen Erfahrung.
So betet der Priester in der Präfation am Hochfest Allerheiligen: „Denn heute schauen wir deine heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem. Dort loben dich auf ewig die verherrlichten Glieder der Kirche, unsere Brüder und Schwestern, die schon zur Vollendung gelangt sind. Dorthin pilgern auch wir im Glauben, ermutigt durch ihre Fürsprache und ihr Beispiel, und gehen freudig dem Ziel der Verheißung entgegen.“
Und darum bauen Christinnen und Christen bis heute Kirchen.