Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: September-Oktober 2025

Schwerpunkt

Wie man über die Letzten Dinge ins Gespräch kommen kann

Brigitte Stenzel, Purgatorium, 2024. Öl auf Leinwand, 140x190 cm. Foto: Florian Huth

Über das zu sprechen, was uns nach dem Tod erwartet, gehört zu den zentralen Aufgaben der Glaubensverkündigung. Während man dies in früheren Zeiten ganz selbstverständlich – oft auch in problematischen Bildern – getan hat, ist darüber heute in der Kirche ein großes Schweigen eingekehrt.

Seit etwa fünfzig Jahren hört man kaum noch Vorträge zu diesem Thema und in Predigten wird es nahezu ausgespart. Es scheint, als wüssten selbst Theologinnen und Theologen nichts Genaues, als ob Priester nicht mehr daran glaubten oder sich gar schämten für Bilder und Vorstellungen, die einst mit großem Ernst verkündet wurden.

Doch trotz dieses Schweigens sind bei den Menschen die alten Fragen geblieben: Wohin gehe ich, wenn ich sterbe? Was wird dann sein? Werden meine Taten auf dieser Erde einmal gewürdigt, gesühnt, vielleicht sogar gerichtet? Und was ist mit all den Menschen, die mir vorausgegangen sind – kann ich für sie noch etwas tun, durch mein Beten, mein Erinnern und meine Liebe, die nicht einfach aufhört?

Antworten und Hoffnungen

Wo Fragen sind, werden Antworten gesucht. Und wenn die Kirche sie nicht mehr gibt, sucht man sie eben anderswo: In esoterischen Konzepten, bei fernöstlichen Religionen oder in einem oft verschwommenen Glauben an die Reinkarnation. Nicht selten bleiben nur vage Hoffnungen, die wenig tragen.

Gerade deshalb ist es heute wichtiger denn je, neue Wege zu finden, um über das zu sprechen, was die christliche Tradition die „Letzten Dinge“ nennt: Tod, Gericht, Himmel, Hölle und Fegefeuer. Die Münchner Stadtpfarrei Heilig Geist am Viktualienmarkt hat dafür bewusst den Weg über die bildende Kunst gewählt – einen Weg, der tief in der Geschichte der Kirche verwurzelt ist und sich zugleich als besonders zeitgemäß erweist.

Kunst als Türöffner

Denn die Kirche hat von Anfang an nicht nur durch das Wort evangelisiert, sondern auch durch Kunst. Man denke an die Malereien der römischen Katakomben (ab dem 2. Jahrhundert), die Szenen wie den Guten Hirten, Daniel in der Löwengrube oder Jona im Bauch des Fisches zeigen. Solche Bilder brachten etwas Wesentliches von der Hoffnung auf die Auferstehung zum Ausdruck – oft für Menschen, die nicht lesen konnten. Fisch- und Anker-Symbole, das Christusmonogramm oder die betenden Oranten sind frühe Zeichen eines Glaubens, der Herz, Verstand und Sinne gleichermaßen anspricht. Kunst macht das Unsichtbare sichtbar, das Unvorstellbare greifbar, das Unergründliche wenigstens ahnend erfahrbar.

Gerade in unserer Zeit, in der traditionelle Glaubensbegriffe den meisten Menschen fremd geworden sind, kann Kunst ein behutsamer Türöffner sein. Sie zwingt niemanden zu einem Bekenntnis, erlaubt aber Fragen. Sie lädt ein zum Staunen, Betrachten, vielleicht auch zum Widerspruch. Wo Worte schnell belehren oder abwehren, öffnet ein Bild Freiräume. Es bietet Raum zum Verweilen, zum stillen Nachdenken, zum ganz persönlichen Deuten. Gerade beim Thema Tod und Ewigkeit vermag Kunst oft mehr zu berühren, als es rationale Argumente könnten, und sie schenkt eine neue Offenheit für die Antworten, die der christliche Glaube gibt.

In der Münchner Heilig-Geist-Kirche findet sich im Chorscheitel eine große Kreuzigungsdarstellung, die dem Konstanzer Maler Johann Christoph Storer (1620–1671) zugeschrieben wird. Das Bild wurde im Laufe der Zeit mehrfach überarbeitet und im unteren Teil um eine Szene mit den Armen Seelen im Fegefeuer ergänzt, die jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Zurück blieb ein leerer Stuckrahmen – eine sichtbare Lücke, die buchstäblich nach einer neuen Deutung verlangte.

Diese hat nun die Münchner Künstlerin Brigitte Stenzel geschaffen. Bekannt ist sie durch Werke im Freisinger Diözesanmuseum sowie durch ihr Altarbild „Maria“ (2018) in der Kapelle des Erzbischöflichen Palais in München, das die Verkündigungsszene einfängt. Ihr neues Gemälde „Purgatorium“, seit Aschermittwoch 2025 an Ort und Stelle zu sehen, deutet das Fegefeuer nicht als Strafort, sondern als Prozess der Reinigung und Selbsterkenntnis.

Zwischen Beten und Betrachten

Eine begleitende Predigtreihe in der Fastenzeit unter dem Titel „Himmel, Hölle, Fegefeuer. Was erwartet uns nach dem Tod?“ führte die Gemeinde theologisch und seelsorglich in das Thema ein. Viele spürten dabei neu, wie sehr solche Fragen letztlich alle betreffen – auch wenn man ihnen oft ausweicht. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher kamen eigens, um das neue Bild zu betrachten und sich damit auseinanderzusetzen. Einige suchten anschließend das Gespräch mit Seelsorgern oder vertrauten eigene Verlusterfahrungen und Hoffnungen an.

Stenzels Bild verzichtet bewusst auf die bekannten Flammen oder aufschreienden Gestalten. Stattdessen nimmt sie das „Purgatorium“ ernst als Reinigungsbad. Man sieht stille Figuren im Wasser, eine nebelverhangene Uferlandschaft, ein intensives Spiel von Licht und Spiegelungen. Die Menschen sind nackt und ungeschützt. Sie müssen nichts mehr verhüllen. Eine Gestalt blickt ins Wasser, nicht eitel wie Narziss, sondern schmerzlich offen für die Wahrheit über sich selbst. Es ist das delphische „Erkenne dich selbst“ in einer radikalen, existenziellen Dimension. Reinigung geschieht hier im Inneren, in einem stillen Prozess, der weder von äußeren Flammen noch von schrillen Schreien begleitet wird.

Wirkung und Dialog

scharfer Ablehnung – und gerade das zeigt seine Kraft. „Das Bild gefällt mir nicht. Ich finde nackte Figuren in einer Kirche unpassend. Aber ich habe zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Kerze für meine verstorbene Oma angezündet“, sagte eine Besucherin. Andere bleiben lange vor dem Bild stehen, falten die Hände, beten oder betrachten es still und nachdenklich. Damit hat dieses Kunstwerk etwas bewirkt, das Worte oft nicht erreichen: Es hat das Herz berührt, zum Nachdenken angeregt und ein Gespräch neu eröffnet.

Gerade darin zeigt sich, warum die bildende Kunst heute ein so wertvolles Instrument ist, um über die Letzten Dinge ins Gespräch zu kommen. Sie wirkt offen, vieldeutig, sensibel. Sie lässt Raum für Zweifel und Staunen, für ganz persönliche Deutungen und Fragen. Sie spricht an, wo rationale Argumente oft ins Leere laufen, weil sie eine tiefere Schicht berührt – die Sehnsucht nach Sinn, nach Versöhnung, nach einem guten Ende.

Besonders eindrucksvoll ist auch der Zusammenhang zur Taufe. Die neue Taufkapelle wurde bewusst in unmittelbarer Nähe des „Purgatoriums“ geplant. Zwischen dem Bad der Taufe und dem Reinigungsbad des Purgatoriums ist das ganze Leben von Christinnen und Christen aufgespannt. So entsteht ein stiller, kraftvoller Dialog dieser beiden Orte, der uns einlädt, über Anfang und Ziel unseres Lebens neu nachzudenken – und im Gebet für die Lebenden wie für die Verstorbenen einzutreten.

Die Gemeinde hat mit diesem Projekt nicht nur ein Kunstwerk erhalten, sondern zugleich eine Form moderner Verkündigung gefunden. Kunst schafft hier einen seelsorglichen Raum, der zum Verweilen und zur Zwiesprache mit Gott einlädt. Oder, um es mit Joseph Beuys zu sagen: „Kunst ist Verkündigung.“


Verfasst von:

Daniel Lerch

Domvikar und Pfarrer der Stadtpfarrkirche Heilig Geist in München