Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: September-Oktober 2025

Ökumene

Wo befindet sich das Jenseits?

Blick in den Horizont im Gebirge als Sinnbild für Fernnähe und Verbundenheit. Foto: Sarah Weiß

Die Vorstellung eines Jenseits hat etwas Tröstliches: Die verstorbene Person, die wir so schmerzlich vermissen, lebt an einem anderen Ort weiter – wie auch immer er aussehen mag und wo er sich befinden mag. Dennoch bleibt der Begriff sehr abstrakt. Kann ein Blick in die japanische Philosophie helfen?

Lena Schützle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an Professorin Barbara Schellhammers Lehrstuhl Intercultural Social Transformation und am Zentrum für Globale Fragen der Hochschule für Philosophie in München. Sie beschäftigt sich unter anderem mit dem philosophischen Verständnis der Fernnähe. Damit soll versucht werden, das Jenseits etwas greifbarer zu machen, wo es sich befindet, wie wir dorthin gelangen und wie wir damit in Kontakt kommen können.

Nähe und Ferne in der Philosophie

Nach Auffassung Ryōsuke Ōhashis, Philosoph der Kyoto-Schule, gibt es keine separaten Personen, wie wir uns das in unserer christlichen Glaubensauffassung vorstellen. Die Philosophie der Leere ist Grundlage seines Denkens. Er geht davon aus, dass es so etwas wie ein isoliertes Selbst, ein abgeschlossenes Wesen, eine Seele nicht gibt, sondern dass wir immer in Verbundenheit mit anderen sind. So können auch Nähe und Ferne nie voneinander getrennt existieren. Bei einem Telefonat sind zwei Personen also nicht nur fern voneinander, weil sie sich nicht am selben Ort befinden, sondern sich auch gleichzeitig nah, weil sie ein Gespräch führen und dadurch miteinander in Verbindung stehen. Auch Heiterkeit und Trauer können gleichzeitig anwesend sein – das nennt er Höhentiefe.

Hier sieht Lena Schützle eine Deutungsmöglichkeit des Jenseits: „Wenn ich einen geliebten Menschen verloren habe, ist das zunächst eine schmerzhafte Erfahrung. Und gleichzeitig erfahre ich auch in genau diesen Momenten eine gewisse Höhe und Erhabenheit in Verbundenheit, weil mir bewusst wird, wie präsent er in mir ist.“ So könne das Jenseits gleichzeitig weit entfernt und ganz nah sein.

Theologische Korrekturen

Das mag seltsam fremd anmuten, wenn man eine christlich geprägte Jenseitsvorstellung hat. Allerdings nur, wenn diese kein theologisches Fundament hat, korrigiert mich der Theologe Bernd Groth. Er leitet gemeinsam mit Judith Tech die Gesprächsreihe „Philosophieren im Hospiz“ im Christophorus-Haus München. Er betont, man müsse klar unterscheiden zwischen populären und theologischen Auffassungen über ein Leben nach dem Tod. „Populäre Auffassungen haben sich interessanterweise auch bis in die Moderne durchgezogen, und da wird sich das Jenseits sehr bildhaft vorgestellt und kein Unterschied gemacht zwischen Diesseits und Jenseits. Man stellt es sich wie eine Verlängerung des Diesseits vor. Und das ist eigentlich falsch.“

Beziehungen als Zugang zum Jenseits

So sieht es Lena Schützle auch durch die Brille der Fernnähe: „Das Jenseits ist eine ganz andere Welt. Irgendwie gar kein richtiger Raum, in dem Zeit und Örtlichkeit ganz anders oder gar nicht wirken. Das, was mir so fern ist und so ganz anders, ist aber durchaus in Verbindung mit dem, was ich im Hier und Jetzt erlebe und tue, wie ich in der Welt bin, in Beziehung mit Gott. Deswegen ist die Fernnähe kein anderer Ort, sondern eher die Qualität und die Kategorie von Beziehungen, die ich habe.“ Das Jenseits sei also kein tröstlicher Ort der Zukunft, an dem uns das Schöne automatisch zufallen wird, sodass wir uns im Diesseits entspannt zurücklehnen und unser Glück nicht so ernst zu nehmen brauchen, sondern es nimmt uns in jedem Moment in die Verantwortung. „Das Schöne ist im Hier und Jetzt schon anwesend. Deshalb geht es darum, wie ich genau diesen Moment erlebe, was ich genau an diesem Tag heute mache, weil ich mich nicht darauf ausruhen kann, dass das, was wirklich zählt, später kommt.“

Für den Philosophen Ōhashi sei der Tod allgegenwärtig präsent, als eine Form des Anderen, mit dem wir in Relation stehen, sagt Schützle. „Er würde nicht sagen, dass ein Ich weiterlebt oder stirbt, sondern dass es sich immer aus anderen Dingen zusammensetzt und immer weiter verändert.“ Philosophie als säkulares Denken und Religion haben bei der Frage nach der Beziehung zwischen Leben und Tod dasselbe Problem: Wie muss ich oder wie kann ich leben im Angesicht des Todes?

Ewiges Leben im Christentum

„In der buddhistischen Tradition von Thích Nhất Hạnh gibt es die Auffassung, dass es kein Sterben und keine Geburt gibt, weil sich dieser ewige Kreislauf von Leben, Gebären und Sterben in jedem Moment vollzieht. Der Übergang von Leben und Sterben ist also ein fließender, den wir stetig durchführen,“ sagt Schützle. Das Jenseits sei somit unvermittelt die ganze Zeit da, aber wir hätten nur vermittelten Zugriff darauf, durch Gott, unsere spirituelle Praxis oder extatische Zustände.

Im Christentum markiert der Tod zunächst einmal das Ende des irdischen Lebens. Spannend findet Bernd Groth, dass der Begriff des Jenseits in der Bibel nirgends vorkommt. Daher zweifelt er daran, dass Jesus ein Jenseits konzipieren will. „Ich glaube, er will zeigen, dass es hier in diesem Leben darauf ankommt, wie ich lebe. Hier ist meine Verantwortung. Die kann ich nicht mehr aus einem Jenseits zurückholen.“ In der Bibel würde nicht von einem Jenseits, sondern lediglich von einem ewigen Leben im Himmel gesprochen, sagt Groth. „Ewig bedeutet, es handelt sich um ein Leben außerhalb der Zeit. Da wir uns Gott nicht vorstellen können, können wir uns natürlich auch kein Leben außerhalb der Zeit bei Gott vorstellen. Ich bin der Auffassung, dass der Ausdruck eigentlich bedeutet, ein authentisches Leben zu leben. Der christliche Glaube führt uns, bringt uns dem nahe, was man als ewiges Leben bei Gott bezeichnet.“

Vertrauen und Gnade

Das Christentum antworte mit der Liebe Gottes zu uns. „Der christliche Glaube ist das Anteilhaben am Gottesverhältnis Jesu. Christlich glauben heißt also nicht, an die Dogmen zu glauben und ihnen zu vertrauen, sondern es geht viel existenzieller darum, dass der Glaube mich einordnet in die Liebe Gottes. Damit bin ich im Grunde genommen gerettet, habe ich mein Heil gefunden.“ Damit sei das Jenseits eigentlich eine Art, im Diesseits zu leben, und durch die Wiederauferstehung seien Christinnen und Christen gewiss, dass sie zwar mitten im Leben vom Tod umfangen sind, aber eben auch umgekehrt.

„Letzten Endes hängt es immer von der Stärke des Glaubens ab, ob ich mich darauf einlassen kann“, sagt Groth, „und da sagt die christliche Botschaft: Letztlich ist auch der Glaube, der ein solches Vertrauen ausdrückt, nicht allein mein Vertrauen, mein Glaube, sondern er ist gestützt von der Gnade Gottes.“ Der einzelne Mensch wird zwar zu seiner Glaubensentscheidung berufen, aber man habe auch verstanden, dass diese Entscheidung den Einzelnen überfordern könne. „Es ist spannend und tröstlich, dass es auch bei dieser Entscheidung eigentlich nicht ohne die Unterstützung Gottes geht.“ Das Anteilhaben am Gottesverhältnis Jesu sei ein Geschenk, für das man offen sein kann, aber das unsere Vorstellung und Sprache weit übersteigt, weil Sprache immer auf das Diesseits verweist.

Beziehungen und Vergänglichkeit

Letztendlich gehe es also nicht darum, danach zu fragen, wo das Jenseits ist und wie es aussieht, sondern welche Qualität die eigenen Beziehungen haben sollen: zum Leben, zum Tod, zu geliebten Menschen, zu verstorbenen Personen – und nicht zuletzt zur eigenen Vergänglichkeit. Wie unterstützt mich mein Glaube dabei, diese Qualitäten zu entwickeln? Welche Gedanken helfen mir weiter?


Verfasst von:

Sarah Weiß

Freie Autorin