Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: September-Oktober 2025

Schwerpunkt - Vor Ort

Wo es viele Wohnungen gibt

Das Sterben von Verwandten und Bekannten konfrontiert mit dem eigenen Tod. Für viele Menschen löst das beklemmende Gefühle aus. Foto: Pat Christ

Drei Frauen erzählen von ihren Vorstellungen über das Leben nach dem Tod

Wie sie sich das Jenseits ganz genau vorstellen soll, weiß Edeltraud Hann nicht. Es ist für sie eine unendliche Sphäre, in der nur Gutes vorkommt. In der Frieden herrscht. In der sich die Seele rundum wohlfühlt. „Wenn ich ans Jenseits denke, fällt mir immer der Satz aus dem Johannes-Evangelium ein: ‘Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen‘“, sagt die Begräbnisleiterin aus Mömlingen am Bayerischen Untermain.

Für die meisten Menschen hat das Nachdenken über das Sterben, über den Tod und das Jenseits wenig Erquickendes. Man meidet das Thema lieber. Es bedrückt zu sehr. Jagt gar Angst ein. Für Edeltraud Hann gehört das Nachdenken über die Frage „Und danach?” zu ihrem Leben. Angst hat sie nicht. Schon als Kind, erzählt sie, fiel sie aufgrund einer Kreislaufschwäche öfter in Ohnmacht. Jedes Mal hatte sie in diesen Ohnmachtsmomenten ein warmes Gefühl. Ein Gefühl von Geborgenheit. „Als ich wieder wach wurde, hab ich mir oft gedacht: ‘Lasst mich doch schlafen!’”, erzählt sie.

Edeltraud Hann, Begräbnisleiterin aus Mömlingen am Bayerischen Untermain. Foto: Pat Christ

Zweimal war Edeltraud Hann dem Tod schon von der Schippe gesprungen. Mit ihrem Herzen stimmt etwas nicht. 1993 kam es dadurch erstmals zu einer Notaufnahme. Der Herzbeutel war entzündet. Was man zu spät entdeckt hatte: „Wäre ich in dieser Nacht nicht ins Krankenhaus gekommen, wäre ich am nächsten Tag wohl tot gewesen.” Von einer Nahtoderfahrung möchte sie nicht sprechen. Doch wieder empfand Edeltraud Hann während der Ohnmacht dieses warme, geborgene Gefühl. 2012 kam es neuerlich zu einem brenzligen Vorfall. Im Herzbeutel war Wasser. Wieder war sie in Todesnähe. Wieder hatte dies nichts Erschreckendes für sie gehabt.

Gerade, weil sie auf sich und ihre Gesundheit aufpassen muss, lebt Edeltraud Hann intensiv. Sie liebt das Leben: „Wobei ich keine Angst vor dem Tod habe.” Der ehemaligen Würzburger Diözesanvorsitzenden des Katholischen Deutschen Frauenbunds ist es wichtig, sich in ihrem Leben zu engagieren. Seit Jahren ist sie Kreuzträgerin bei Beerdigungen. Seit 2024 Begräbnisleiterin. In Kürze wird sie einen 100-Jährigen beerdigen: „Auf das Trauergespräch freue ich mich richtig.” Welches reiche Leben wird sie wohl geschildert bekommen! Wenn jemand so lange leben durfte, sei es in Ordnung, zu gehen. Auch wenn natürlich jeder Tod bei Angehörigen Trauer auslöst.

Eine tiefe Ruhe

Petra Marie Schwarzhaupt erfuhr Ähnliches wie Edeltraud Hann. Die Trauerbegleiterin, die sich ehrenamtlich bei den Maltesern in Aschaffenburg engagiert, hatte vor einigen Jahren einen schweren Autounfall. Bei hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn platzte ein Reifen: „Ich wurde von Leitplanke zu Leitplanke geschleudert.” Zu Beginn versuchte sie noch, gegenzusteuern. Doch als sie sah, dass sie keine Chance hatte, das Auto in den Griff zu bekommen, geschah etwas Seltsames: Eine tiefe Ruhe stellte sich ein.

Irgendwann kam das Auto auf der Standspur zum Stehen: „Ich hatte nicht gewusst, ob ich noch lebe.” Eine Frau zog sie aus dem Wagen. Petra Marie Schwarzhaupt kam zu sich. Sie hatte den schweren Unfall überstanden. Sogar völlig unbeschadet. Denkt sie seither an den Tod, an das Jenseits, stellt sich dieses Gefühl von unendlicher Ruhe bei ihr ein. Angst vor dem Tod, sagt die gelernte Krankenschwester, habe sie nicht mehr.

Interessant ist für die Christin, wie sich Kinder das Jenseits vorstellen. Petra Marie Schwarzhaupt leitet bei den Maltesern eine Gruppe für Kinder und Jugendliche, die ihren Vater, ihre Mutter oder ein Geschwisterkind verloren haben. In den Gruppenstunden werden Fragen nach dem Jenseits berührt: „Allerdings nicht in Form von Gesprächen.” Die Kinder werden inspiriert, sich kreativ auszudrücken. Die Bilder, die entstehen, sind allesamt optimistisch. Auf einem reitet die verstorbene Mama auf einem Pferd. Das Kind ist dabei. Auf einem anderen sitzt sie auf einer Wolke.

Mama will bleiben

Ein weiteres Kind stellt sich die Mama an irgendeinem nicht näher bestimmten Ort vor, an dem sie selbst entscheiden darf: Bleib ich oder gehe ich zurück? Anscheinend ist es schön, dort, wo die Mama jetzt ist. Vielleicht kann sie sich da von einer schweren Krankheit erholen. Oder von dem Stress, den sie zeitlebens gehabt hatte. Auf jeden Fall will sie offenbar bleiben.

Das Sterben ist für Petra Marie Schwarzhaupt heute nur dann etwas Schlimmes, wenn es mit großem Leid verbunden ist. „Ich habe schon die unterschiedlichsten Todesarten erlebt”, sagt die Pflegerin, die 1968 in die Ausbildung einstieg. Da gibt es Menschen, die alles wohlgeordnet haben. Die palliativmedizinisch gut versorgt sind. Und friedlich einschlafen. So ist es auch bei ihrem eigenen Vater gewesen. Andere ringen mit dem Tod. Ganz furchtbar. Ganz schrecklich. Dabei müsste das nicht sein.

Petra Marie Schwarzhaupt würde sich zum einen wünschen, dass mehr darüber informiert wird, welche palliativmedizinischen Hilfen es beim Sterben gibt. Und sie fände es schön, würden die Menschen tabuloser miteinander darüber reden, wie sie sich das Jenseits vorstellen; welche Erfahrungen sie selbst schon, zum Beispiel durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit, mit Todesnähe gemacht haben. Dann würde vielleicht die weit verbreitete Angst vor dem, was danach kommt, ein bisschen schwinden.

Etwas Gutes wartet

Der Tod macht deshalb weithin Angst, weil er mit Qualen oder sogar mit der Erfahrung von Gewalt verbunden sein kann. Sterbende sind ja meist nicht mehr in der Lage, selbst zu entscheiden. Wünsche zu äußern. Sie fühlen sich ausgeliefert. „Dass der Tod qualvoll werden könnte, davor habe auch ich Angst”, sagt Kai Buder. Vor dem, was nach dem Sterben kommt, fürchtet sich die vierfache Mutter allerdings nicht. Sie glaubt, ähnlich wie Edeltraud Hann, dass etwas Gutes auf sie wartet.

Diesen Glauben teilen auch ihre vier Söhne, erzählt die Erzieherin, die sich während ihrer Ausbildung in München intensiv mit den Schriften der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross beschäftigte. Unlängst starb die Urgroßmutter ihrer Söhne. Mit den drei Jüngsten, 4, 6 und 16 Jahre alt, war sie auf der Beerdigung. Keiner hatte Berührungsängste gezeigt. Den Sechsjährigen allerdings trieb die Frage um: „Wird uns denn Oma später bei Gott erkennen?“

Kai Buder rät, Kindern keine Jenseitsvorstellungen vorzugeben. Sie müssten zu ihren eigenen Bildern, ihren eigenen Gefühlen kommen. Sie selbst ist überzeugt, dass man als gläubiger Mensch nach dem Tod so erfüllt sein wird von der Herrlichkeit Gottes, dass es völlig egal ist, in welcher Form man weiterlebt. Von daher erübrigt sich für sie auch die Frage ihres Sohnes, ob man die, die man auf Erden geliebt hat, Jahre später, wenn man selbst gestorben ist, im Jenseits wohl erkennen wird. Das sagte sie auch ihrem Kind.

Dass sie keine Abneigung hat, über das Sterben und das Jenseits zu sprechen, liegt, wie Kai Buder betont, daran, dass sie vor zwölf Jahren Jesus für sich entdeckt hat. Seither habe sich ihr Leben zum Positiven entwickelt. Seither ist die Christin vollends überzeugt, dass es nach dem Sterben gut weitergeht.


Verfasst von:

Pat Christ

Freie Autorin