Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: September-Oktober 2025

Kommentar

Wollen wir uns wirklich wiedersehen?

Foto: Erzbischöfliches Ordinariat München / Stefan Hobmaier

Als Diakon und Notfallseelsorger erlebe ich Menschen in den unterschiedlichsten Situationen, wenn sie mit dem Tod eines Menschen konfrontiert sind. Meine Erfahrung ist: Je kürzer die Begegnung mit dem Tod zurückliegt, desto weniger richtet sich der Blick der Betroffenen bereits nach vorne – die Botschaft von der Auferstehung verhallt oft ungehört.  Selbst im Trauergespräch in den nächsten Tagen ist die Frage, ob das bereits der rechte Zeitpunkt ist, die christliche Hoffnung auf das ewige Leben in den Vordergrund zu stellen. Denn dann ist erst einmal Zeit für einen ausgiebigen Blick zurück: Was für ein Leben führte der Verstorbene?  Erst nach der Rückschau gelingt es irgendwann, nach vorne zu schauen: Was kommt jetzt?

Ich glaube: Nur wer als Begleiter von Trauernden einen Dreischritt einhält, kann über den Begräbnistag hinaus helfen: Gegenwart – Vergangenheit – Zukunft.

Wenn der gemeinsame Blick in die Zukunft gelingt, höre ich fast immer die Frage: „Glauben Sie, dass wir uns eines Tages wiedersehen?“ Ich antworte dann: „Ja, das glaube ich.“  Später, in der Ansprache bei der Beerdigung, versuche ich dann, „Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die uns erfüllt“ (1 Petr 3,15).

Das Bild, die schmerzlich vermissten Lieben dereinst im Himmel wieder zu umarmen, ist sicherlich zu eng gedacht. Trotzdem ist das für mich eine hilfreiche Annäherung an das Mysterium des Einsseins in Gott.

Um die nächste Dimension der Auferstehung in den Blick nehmen zu können, muss vielleicht noch einmal sehr viel mehr Zeit vergehen: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17,21). Die Auferstehungsverheißung gilt nicht nur mir oder meinen Liebsten, sondern auch denen, die ich nicht mag. Zum Beispiel, weil sie über den Glauben ganz anders denken. Möchten wir den Pius-Bruder oder die Freikirchlerin von nebenan wirklich wiedersehen?

Ein Pfarrer erzählte mir dazu:  Im sonntäglichen Gebetsaufruf der Fürbitten hieß es: „Zu Gott, der für uns Vater und Mutter ist, lasst uns rufen.“ Allein dieser eine Satz erzürnte einen Gottesdienstbesucher so sehr, dass er am Folgetag im Pfarrbüro anrief und sich beim Pfarrer bitter darüber beschwerte. Seiner Meinung nach würde diese Formulierung Gott auf eine geschlechtliche Person mit menschlichen Zügen reduzieren und das jesuanische Bild des „Vaters“ konterkarieren.

Auch wenn ich anderer Ansicht bin, so kann ich die Argumente des Mannes verstehen. Sich über Strittiges auszutauschen, gehört zum Ringen um den Glauben und ist im besten Sinne katholisch. Was ich jedoch als wenig katholisch empfinde, war, was folgte: Der Mann forderte den Pfarrer auf, den für die Fürbitten verantwortlichen Mitbruder zu maßregeln. Als der Pfarrer dies ablehnte, schloss der Mann mit der Ankündigung, den Sachverhalt an höherer Stelle zu Gehör zu bringen. Diese Drohung war natürlich substanzlos, aber die dahinterliegende Haltung nicht. Was bedeutet Jesu Verheißung vom Einswerden mit allen für diesen Mann? Was bedeutet sie für mich?

Ob man jetzt an ein Fegefeuer nach dem Tod glaubt oder nicht – irgendeinen reinigenden, heilenden Übergang muss es im Prozess der Auferstehung geben. Denn unsere Grabenkämpfe und Feindschaften werden sicher nicht Teil der Ewigkeit in Gott.

Kommen wir Gott zuvor und bringen rechtzeitig in Kirche und Gesellschaft ins Reine, was uns möglich ist – Auferstehung fängt in der Gegenwart an. Denn ja, am Ende werden wir uns wiedersehen!


Verfasst von:

Diakon Michael Schedl-von Brockdorff

Fachbereichsleiter Ausbildung Ständige Diakone, Erzdiözese München und Freising