Ausgabe: November-Dezember 2025
Katholisch in Bayern und der WeltAnderswo sind die Kirchen voll
Bayerische Katholiken berichten über das Pfarreileben in Kroatien, Polen und Ungarn
Er ist in München geboren. Und in München aufgewachsen. Dennoch kennt er jene Orte, aus denen seine Eltern stammen, keineswegs nur von Fotografien. „Ich bin seit meiner Kindheit und bis heute regelmäßig in Goričan, woher meine Mutter stammt, sowie in Galečić, der Heimat meines Vaters“, erzählt Franjo Barišić. Die Eltern des 40-jährigen Ingenieurs stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Dorthin fährt der achtfache Vater bis heute häufig. So gewann er tiefe Einblicke in das dortige Gemeindeleben.
In Bayern bleiben bei Gottesdiensten seit langem viele Kirchenbänke leer. Über Wege zur Erhöhung der Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher wird kaum noch diskutiert. Vieles zielt darauf ab, den Status quo zu halten. In Kroatien sei das noch völlig anders, sagt Franjo Barišić: „Vor allem in Städten ist jeder Gottesdienst am Sonntag voll.“ Wer ein bisschen zu spät kommt, findet keinen Sitzplatz mehr. Das bedeutet auch: Die Zahl an Ehrenamtlichen ist deutlich größer als in bayerischen Kommunen. Sowohl in Kroatien als auch in Bosnien-Herzegowina kennt man nach Aussage des Vorsitzenden der Kroatischen Katholischen Gemeinde in München keinen Mangel an Ehrenamtlichen.
Das gemeindliche Gefüge stellt sich überhaupt weithin anders dar als jenes in Bayern. Gottesdienste zum Beispiel sind ausschließlich Aufgabe des Priesters. „In Kroatien kennt man keine Wortgottesdienstleiter“, berichtet Franjo Barišić. Es gebe auch keine Ehrenamtlichen, die sich bei Begräbnissen engagieren würden. Freiwillige unterstützen laut Franjo Barišić vor allem organisatorisch: „Sie veranstalten zum Beispiel Tagesausflüge oder Wallfahrten für Senioren oder auch Ausflüge für Ministranten.“ Und sie begleiten die Touren selbstverständlich: „Dafür hätte der Priester keine Zeit.“ Auch Weihnachtskonzerte oder Sommerfeste würden ehrenamtlich organisiert. Ehrenamtliche helfen zudem bei der Instandhaltung von Kirche und Pfarrhaus sowie beim Kirchenschmuck.
Was katholische Laien in den personell ausgedünnten bayerischen Pfarreien heute alles leisten, zeugt nicht nur von hoher Einsatzbereitschaft, sondern auch von hohem Wissen und Können. Teilweise übernehmen sie sogar, den Priester flankierend, Leitungsaufgaben. Nicht wenige dieser Laien haben Fortbildungen durchlaufen oder an Tagungen teilgenommen, um sich neues Wissen anzueignen. In Kroatien besteht diese Notwendigkeit nicht, sagt Franjo Barišić. Selbst die Vorbereitung der Kinder auf die Kommunion und die Firmung werde von theologisch ausgebildeten Kräften übernommen. Ehrenamtliche engagierten sich dabei kaum.
Um die Generierung von Nachwuchs bemüht man sich in bayerischen Pfarreien durch eine attraktive Jugendarbeit. In Kroatien sind Jugendorganisationen wie die Katholische junge Gemeinde (KjG) oder die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) laut Franjo Barišić wenig bekannt. Beliebt seien jedoch Angebote, die von Ordensgemeinschaften ausgehen: „Zum Beispiel von den Franziskanern oder den Salesianern.“ Pfarrgemeinderäte wiederum gibt es auch im ehemaligen Jugoslawien. Allerdings seien sie anders strukturiert. Einige wurden nach seinen Kenntnissen gewählt. Andere setzen sich informell zusammen.
66 Mal in Ungarn
In Bayern muss das pastorale Personal nicht selten Sonderschichten einlegen, um alle Aufgaben zu bewältigen. So schlimm ist es in Ungarn noch nicht, meint Erwin Fath, der für das Kolpingwerk in der Diözese Augsburg den Kontakt zum ungarischen Partnerverband hält. Allerdings gibt es auch im Herkunftsland seiner Eltern nicht mehr in jeder kleinen Pfarrei einen Priester, sagt der 76-Jährige, der seit 1973 regelmäßig nach Ungarn fährt. Mindestens einmal im Jahr tut er dies als Vertreter des Kolpingwerks; ein- bis zweimal im Jahr reist er privat nach Ungarn: „Wenn ich richtig gezählt habe, war ich dort schon 66 Male.“
Der stilisierte Buchstabe „K“ auf orangenem Grund, Sinnbild von Kolping weltweit, ist in Ungarn alles andere als unbekannt. „Kolping gab es hier schon im 19. Jahrhundert“, weiß Erwin Fath. In den 1930er-Jahren wurde der Verband verboten. Erst, als die Grenzbefestigung fiel, lebte er wieder auf.. Heute bereichert Kolping das Gemeindeleben vielerorts: „Auch die Caritas und die Pfadfinder St. Georg sind in den Pfarreien gut verankert.“ Schließlich engagieren sich viele Menschen in Pfarreien, ohne einem Verband anzugehören. In den Heimatorten, seiner Eltern, Cikó und Nagybudmér, kümmern sich Seniorinnen und Senioren um die Kirche und den Friedhof. Einen eigenen Pfarrer haben diese beiden kleinen Gemeinden nicht mehr. Auch gebe es hier weder eine aktive Jugendarbeit noch Seniorenarbeit.
Der nach der Grenzöffnung wieder zum Leben erwachte Katholizismus ist nach Erwin Faths Beobachtung nach wie vor lebendiger als in Bayern. Doch Veränderungen seien spürbar. So lasse der Kirchenbesuch auch in Ungarn nach. Dennoch: Nach seiner Einschätzung ist das gesamte Ehrenamt in Ungarn bis heute in erster Linie von kirchlichem Engagement geprägt. Ähnlich wie in bayerischen Pfarreien gebe es Pfarrgemeinderäte: „Allerdings haben sie einen anderen Status als bei uns, sie beraten den Pfarrer, fassen aber keine eigenen Beschlüsse.“ Ehrenamtliche Kirchenverwaltungen sind dem Sohn zweier Heimatvertriebener zufolge in Ungarn nicht üblich.
Nur beratend tätig
Auch polnische Strukturen sind jenen in Deutschland und Bayern zum Teil erheblich entgegengesetzt. Der Pfarrgemeinderat hat hier ebenso wie in Ungarn lediglich beratende Funktion, erzählt Teresa Wilgocka, die in dem Dorf Olszówka nahe Krakau aufwuchs und heute der Polnischen Katholischen Gemeinde München vorsitzt. Die Zusammensetzung des Pfarrgemeinderats sei von Region zur Region unterschiedlich. Teresa Wilgocka hat sowohl Einblick in das Gemeindeleben von Olszówka als auch in jenes der Gemeinde von Tarnawa, aus der ihr Mann stammt.
In einem polnischen Pfarrgemeinderat mitzuarbeiten ist nach ihren Worten eine Ehre. Zu dieser Ehre komme man zum Teil durch demokratische Wahlen, zum Teil lade der Pfarrer zur Mitarbeit ein: „Zum Beispiel den Ortsvorsteher.“ Außerdem sei es üblich, dass jeder Ortsteil eine Vertreterin oder einen Vertreter in den Pfarrgemeinderat schickt. Pfarrgemeinderäte kümmerten sich hauptsächlich um wirtschaftliche Fragen und die Finanzierung: „In Polen gibt es ja keine Kirchensteuer.“ Jede Gemeinde finanziert sich über Spenden und Kollekten. Steht eine größere Renovierung an, ist es vor allem Aufgabe des Pfarrgemeinderats, hierfür zusätzliches Geld einzuwerben.
An Gemeindemitgliedern, die davon überzeugt sind, dass es wichtig ist, sich ehrenamtlich einzubringen, mangelt es nach Aussage von Teresa Wilgocka nicht. Es gebe beispielsweise genug Ehrenamtliche, die für den Kirchenschmuck sorgen oder gerne die Kirche reinigen. Auch kleinere Reparaturen werden von Freiwilligen übernommen. Die studierte Fachfrau für Rechnungswesen war als Jugendliche in Olszówka selbst Lektorin und Kantorin. Eine Ausbildung habe sie dafür nicht gebraucht: „Erst in München habe ich entsprechende Kurse besucht.“
Ebenso wie in Kroatien bereiten in Polen Hauptamtliche die Kinder auf die Erstkommunion und später auf die Firmung vor. Dass Ehrenamtliche dies übernehmen, so Teresa Wilgocka, sei nicht üblich. Der Kommunionunterricht findet ihres Wissens in der Schule statt. Ehrenamtliche wiederum schmücken die Kirche für die Erstkommunionfeier oder für das Fest der Firmung.