Ausgabe: November-Dezember 2025
ÖkumeneAuf der Suche nach dem Heimatsound
Kirche im Wandel
Das Netzwerk „hinüber“ sucht Antworten auf die Frage, wie kirchliche Transformation heute gelingt: zwischen Bewahren und Erneuern, lokal verankert und ökumenisch vernetzt. Eine Manufaktur in Beuerberg zeigte, wie Inspiration von außen und Kooperation im Sozialraum neue Räume des Glaubens öffnen können
Wir alle spüren es: Wir leben in einer Zeit des „Hinüber“. Tiefgreifende Veränderungen sind zum Normalzustand geworden. Die Sehnsucht nach Sicherheit und dem, was hält und trägt, ist groß. Welche Rolle spielen in diesen Zeiten des Verlusts die Kirchen? Auf den ersten Blick erscheinen die Antworten ernüchternd: Laut aktueller Untersuchungen bezeichnen sich 56 Prozent der deutschen Bevölkerung bewusst als religionslos und erwarten von den Kirchen so gut wie keine Antworten. Gleichzeitig besteht bei denen, die sich religiös verorten, eine hohe Erwartung, Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die bisherigen Formen als tragend erlebt werden. Nur ein relativ kleiner Anteil findet sich in den bestehenden Strukturen wieder. Gerade bei hoch Engagierten innerhalb der Kirchen besteht ein großes Bedürfnis nach Veränderung. 96 PRozent der Katholikinnen und Katholiken wünschen sich laut 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung einen grundlegenden Wandel. Vieles ist bereits in Bewegung. Strukturen wandeln sich, Altes steht neben Neuem, und neben Resignation und Frustration ist viel Energie spürbar. Neben oft schmerzvollen Abbrüchen zeigen sich vielfältige Aufbrüche – mal eher traditionell geprägt, mal zielgruppenspezifisch, mal gesellschaftspolitisch motiviert oder im Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen engagiert. Theologisch gesprochen leben wir in einem „Schon und noch nicht“.
Drei Leitfragen – wie gelingt Transformation?
Diese Situation der Veränderung in all ihrer Ambivalenz greift unser Netzwerk „hinüber“ mit drei Fragen auf: Was ist „hinüber“? Was retten wir hinüber? Wie kommen wir hinüber? Also im Kern: Wie gelingt Transformation in gesellschaftlich und kirchlich komplexen Zeiten? Dass Kirche transformieren kann, hat sie in ihrer 2.000-jährigen Geschichte gezeigt — doch wie geht das heute? Wie entsteht ein „Heimatsound“, bei dem Altes neben Neuem stehen darf? Wie muss dieser Heimatsound klingen, damit viele angesteckt werden?
Offensichtlich trafen wir mit diesen Leitfragen der ersten „hinüber-Manufaktur“ einen Nerv: Die 80 Plätze waren im Nu ausgebucht und 80 Menschen aus Leitungsebenen, Dekanaten und Pfarreien — katholisch und evangelisch, Haupt- und Ehrenamtliche, von Würzburg über Linz bis Bozen — kamen am 15./16. Mai 2025 ins Kloster Beuerberg, einem 900 Jahre alten Gebäudekomplex, selbst ein Ort des steten Wandels, des „Hinüber“.
Erkunden — Inspiration — Konspiration
Drei Schritte der Reflexion, begleitet durch den Pastoraltheologen Christian Bauer, bildeten den inhaltlichen roten Faden, der sich auch für lokale Transformationsprozesse bewährt hat: Erkunden (Exploration), Inspiration von außen und Konspiration (gemeinsames Spinnen von Ideen).
Beim Erkunden vor Ort wurde klar: Manche Form, Sprache und manche Theologie sind hinüber — der Gehalt jedoch oft nicht, und die Botschaft Jesu schon gar nicht. Dafür lohnt es sich, den Weg des Hinüber weiter zu wagen.
Verantwortung im Sozialraum
In den Gesprächen mit Menschen außerhalb des kirchlichen Tellerrands wurde deutlich adressiert: Kirche hat in Wandlungsprozessen eine gesellschaftliche und kulturelle Verantwortung, die sie wahrnehmen muss. Dies betonten vor allem Barbara Welzel, Initiatorin des Kirchenmanifests, die Soziologin Elsbeth Wallnöfer und der Architekt Walter Klasz. So unterschiedlich die Blickwinkel waren, eine Wahrnehmung trat hervor: Dort, an den Orten, an denen sich Kirche mit unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren im Sozialraum vernetzt und offen gemeinsam nach Lösungen sucht, entstehen — manchmal ungewöhnliche — Ideen: Warum nicht eine Kirche für Demokratie entwickeln? Warum nicht mit kommunalen Trägerinnen und Trägern gemeinsam weiterdenken? Warum nicht Räume öffnen und sehen, wer sie als Freiraum für sich entdeckt? Wie solche offenen Prozesse synodal aufgesetzt werden können, erklärte anschaulich der österreichische Architekt Walter Klasz. Er begann seinen Workshop mit Stille und einer Einladung zum bewussten Hinhören.
Volksreligiosität als Ressource
Zum Schatz der ländlichen Räume und der Alpenregionen gehört die Volksreligiosität. Elsbeth Wallnöfer sprach von deren Charme. Wenn sie nicht nur Folklore ist, übersetzt sie abstrakte Theologie in Gesten und Rituale, macht sie greifbar und besitzt weiterhin Kraft. Ein Thema, das im Blick auf den „Heimatsound“ stärker zu fokussieren ist und das wir demnächst aufgreifen werden.
Es blieb nicht beim Analysieren. „Geschichten von drüben“ zeigten: Kirche der Zukunft ist jetzt. Und: Sie wird ökumenisch und vielfältig vernetzt sein — oder sie wird nicht sein. Konkret wurde dies bei der Immobilienfrage: Hier braucht es mehr Zusammenarbeit und gemeinsames Überlegen vor Ort.
Thomas Prieto Peral, evangelischer Regionalbischof von München und Oberbayern, machte in seiner Geschichte vom „Bunten Haus“ in Miesbach einen Perspektivenwechsel stark: weg von den Bedürfnissen der Gemeinde hin zu denen der Menschen vor Ort. Mehr als 20 Ehrenamtliche sorgen als Gastgeberinnen und Gastgeber dafür, dass Menschen in diesem Gemeindehaus Heimat finden — bei Veranstaltungen, beim Coworking, beim Singen, beim Kochen und um Eigenes auf die Beine zu stellen.
Kirche wird, so die These von Christian Bauer, zukünftig so sein, dass sie in ein Wohnzimmer passt. Sie lebt in Verbundenheit mit dem Sozialraum. Es wird keine Kirche ohne Sofa, Bibel, Kaffeemaschine und (mobilen) Altar geben — nicht, weil Kirchengebäude überflüssig würden, sondern weil Sofa, Kaffeemaschine, Bibel und Tisch für die vier kirchlichen Grundvollzüge stehen. Auch in Zukunft wird man Christinnen und Christen daran erkennen müssen: wie wir Gemeinschaft leben und Räume für Gemeinschaft anbieten — bewusst über den eigenen Wohlfühlkreis hinaus. Wie nehmen wir Menschen am Rand mit ihren Anliegen in den Blick? Wie geben wir Zeugnis? Was ist unsere spirituelle Quelle und wie schöpfen wir daraus durch Gebet und Gottesdienst? Wie können diese Grundvollzüge in die heutige Zeit buchstabiert werden? — eine Frage, die immer wieder praxisbezogen diskutiert wurde.
Aufbrechen statt abarbeiten
Für die Zukunft wird wesentlich sein: alte Gartenzäune abzureißen, sich nicht an Strukturen abzuarbeiten, sondern anzufangen und zu machen. Im letzten Teil der „hinüber-Manufaktur“ war Platz, sich von Drüben-Geschichten begeistern zu lassen und zu überlegen, wie Impulse in die eigenen Kontexte übertragen werden können.
Die vielen Rückmeldungen zeigen: Die Manufaktur gab zahlreiche Impulse und ermöglichte Vernetzung über Diözesen und Konfessionen hinweg. Nicht alles war gelungen, manches blieb zu allgemein oder unterbelichtet. Für uns ist das Ansporn, das Netzwerk zu erweitern und Themen vertieft anzugehen. Ein vielfach geäußerter Wunsch: Weiterzumachen mit Online-Formaten und im kommenden Jahr erneut zu einer Manufaktur einzuladen — auf der Suche nach einem Heimatsound für die Gemeinde vor Ort.
Besonderer Dank gilt Florian Schuppe und Christian Bauer für ihre Unterstützung und Impulse
Hinweis: Dieser Beitrag erschien in veränderter Form bereits im DA-Magazin 3/2025 der Domberg-Akademie.