Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: November-Dezember 2025

Interview

„Die Stunde der Laien“

Zusammen lernen für die Pfarrgemeinderatsarbeit in Bayern

Was bleibt nach vier Jahren Pfarrgemeinderatsarbeit? Zwei erfahrene Stimmen aus Eichstätt und Bamberg blicken zurück, bewerten Herausforderungen und sagen, was sich ändern muss, damit Kirche vor Ort Zukunft hat.

Worauf blicken Sie mit Dankbarkeit oder Nachdenklichkeit zurück?

Christian Gärtner: Die Wahl 2022 fiel mitten in die Coronazeit – die Beteiligung war trotzdem überraschend hoch. Viele haben sich neu oder erneut engagiert. Der Synodale Weg war damals sehr präsent, später aber weniger sichtbar. Viel Energie floss im Bistum Eichstätt in dieser Wahlperiode in neue Pastoralkonzepte. Ich war beeindruckt von der Bereitschaft zum Mitmachen – trotz aller Unsicherheiten. Doch nicht überall hat der Aufbruch die ganze Periode getragen. Gerade die letzten Jahre haben gezeigt, dass Pfarrgemeinderäte oft dort tragfähig bleiben, wo Menschen miteinander vertrauensvoll arbeiten können.

Günter Heß: Auch bei uns war Corona prägend. Zeitweise fehlte ein Bischof, das war spürbar. Gleichzeitig sehe ich: Wo Menschen sich zuständig fühlen, lebt Kirche weiter. Leider wird es immer schwerer, überhaupt noch Pfarrgemeinderäte zu bilden. Fehlt die Basis, wirkt das bis in die Spitze. Das persönliche Miteinander, das Zuhören, das gemeinsame Ringen um Lösungen sind die unsichtbaren Fundamente dieser Gremienarbeit.

Wie hat sich die Rolle des Pfarrgemeinderats verändert?

Gärtner: Der Pfarrgemeinderat bleibt zentral – gerade auch ohne flächendeckende hauptamtliche Präsenz. Wir brauchen stabile Formen für Beteiligung, die Gemeindeleben ermöglichen. Für mich ist das eine „Stunde der Laien“. Die Grundidee des Konzepts „Pfarrgemeinderat“ ist weiterhin richtig – wir müssen sie nur neu denken. Es geht dabei auch um Legitimation: Wer spricht für die Gläubigen? Nur wer gewählt wurde, hat das Mandat für Beteiligung mit Substanz. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen an der Verantwortung wachsen, wenn man ihnen Gestaltungsspielraum zutraut. Die Zusammenarbeit mit der Kirchenverwaltung wird immer wichtiger. Vielleicht ist es an der Zeit, beide Gremien strukturell enger zu verbinden. Ein erfolgreicher Pfarrgemeinderat lebt vor allem von einer Kultur der Beteiligung und des offenen Gesprächs.

Heß: Früher standen Veranstaltungen und Bildungsarbeit im Fokus. Heute sichern wir mit Wort-Gottes-Feiern, Beerdigungsfeiern und anderen Diensten das religiöse Grundangebot. Vor vierzig Jahren undenkbar – heute Realität.

Welche Herausforderungen standen im Mittelpunkt?

Heß: Strukturwandel, Mitgliederrückgang, weniger Mittel – all das prägt unsere Arbeit. Was können wir vor Ort noch tragen? Diese Frage wird zentral. Es reicht nicht mehr, auf Entscheidungen von oben zu warten. Wir brauchen nicht mehr Vorgaben von oben, sondern verlässliche Räume, in denen Initiativen vor Ort entstehen können – aus der Erfahrung, was gebraucht wird. Gerade angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung kommt dem Pfarrgemeinderat eine vermittelnde Rolle zu: Er ist ein Ort des Dialogs, an dem Brücken gebaut werden können.

Gärtner: Und: Wie sichern wir Repräsentanz? Pfarrgemeinderäte bringen die Breite der Gläubigen ins Gespräch. Ohne sie wird Beteiligung zur Fassade. Wenn Menschen sehen, dass ihre Ideen Wirkung entfalten, entsteht Bindung – und daraus wächst Zukunft. Die Erfahrung zeigt: Dort, wo Beteiligung gelingt, wächst auch das Vertrauen in kirchliche Prozesse – und in die Glaubwürdigkeit kirchlichen Handelns insgesamt.

Wie gelingt es, neue Engagierte zu gewinnen?

Gärtner: Brief- oder Onlinewahlen wirken. Bei uns beteiligten sich oft mehr Menschen als am klassischen Wahlsonntag. Entscheidend ist: Wo Kirche lebt, gibt es auch Kandidatinnen und Kandidaten. Vielleicht helfen flexiblere Amtszeiten, um Schwellen zu senken. Ich glaube, dass die Frage, wie wir Kirche gemeinsam gestalten, letztlich auch eine spirituelle Frage ist. Verantwortung und Glaube gehören untrennbar zusammen.

Heß: In Städten fehlen oft die Mittel für flächendeckende Werbung oder Briefwahl. Onlinewahlen sind teuer. Aber wo Menschen sich zugehörig fühlen, übernehmen sie Verantwortung. In meinen Augen ist jeder Pfarrgemeinderat auch ein Lernort: für demokratische Kultur, für gegenseitige Wertschätzung und für Glaubenszeugnis im Alltag.

Was müsste sich verändern, damit Pfarrgemeinderatsarbeit attraktiv bleibt?

Heß: Wir müssen aufhören, nur Bestehendes zu verwalten. Es braucht Mut zu neuen Formen und zur gezielten Ansprache. Besonders Jüngere und Menschen außerhalb kirchlicher Binnenräume sollten sich eingeladen fühlen. Die Vielfalt der Lebenswirklichkeiten in unseren Gemeinden muss sich auch in der Zusammensetzung der Räte widerspiegeln. Wenn wir Beteiligung ernst meinen, dann müssen wir sie nicht nur ermöglichen, sondern auch aktiv einfordern – mit klaren Strukturen und echter Offenheit.

Gärtner: Auch die Finanzstruktur gehört reformiert. Warum nicht wie in Rottenburg-Stuttgart, wo 50 Prozent der Kirchensteuer direkt bei den Gemeinden bleiben. Das bringt mehr Spielraum und echte Entscheidungsmöglichkeiten vor Ort. Kirche verändert sich – aber sie bleibt auf das Engagement von Menschen angewiesen, die aus dem Glauben heraus handeln und Verantwortung übernehmen. In der Vielfalt unserer Gemeinden liegt ein enormes Potenzial, das wir noch viel stärker aktivieren sollten – durch kreative Formate, Begegnungsräume und wertschätzende Kultur.

Wie gelingt es, das große Ganze mit dem Leben vor Ort zu verbinden?

Gärtner: Wir brauchen neue Formen der Delegation. Warum nicht direkt aus den Gemeinden in den Diözesanrat? Das schafft Nähe, Rückbindung und Beteiligung auf Augenhöhe. Die Synodalität beginnt nicht in Rom, sondern in den Gemeinden. Viele Menschen wollen mitmachen – aber sie müssen erleben, dass ihre Zeit, ihre Ideen und ihre Haltung auch wirklich etwas bewirken.

Heß: Top-down-Entscheidungen führen zu Frust. Immobilien, Personal, Angebote – darüber muss vor Ort mitentschieden werden. Gerade in Zeiten des Wandels zeigt sich, wie wichtig dialogische und demokratische Strukturen sind.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft der PGR-Arbeit?

Heß: Ich wünsche mir Gemeinden, in denen sich Menschen engagieren, weil sie wissen: Es macht einen Unterschied. Kirche lebt vom Miteinander – in Vielfalt und mit offenem Herzen. Nicht zuletzt sollten wir den Mut haben, neue Formen auszuprobieren – kleinere Teams, projektbezogene Beteiligung oder digitale Formate können helfen, Schwellen abzubauen.

Gärtner: Ich wünsche mir viele Engagierte, die nicht nur Sitzungen absolvieren, sondern Kirche gestalten wollen. Orte, an denen Verantwortung geteilt wird, an denen Ideen wachsen – für Glaube, Gerechtigkeit und Schöpfungsverantwortung. Beteiligung ist kein Extra, sondern Grundform christlicher Gemeinschaft. Der Pfarrgemeinderat kann ein solcher Ort sein. Ein Ort, an dem Kirche lebendig bleibt. Deshalb wünsche ich mir eine Kirche, die nicht nur zuhört, sondern mit den Menschen vor Ort lernt, sich verändert und immer wieder neu aufbricht.

Foto: Daniel Köberle

Christian Gärtner (Diözese Eichstätt)
Jahrgang 1966, lebt in Oberasbach. Der Marktforscher ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Seit vielen Jahren engagiert er sich in der kirchlichen Gremienarbeit und ist heute Vorsitzender des Diözesanrats Eichstätt. Dort setzt er sich besonders für eine starke Stimme der Laien in Kirche und Gesellschaft ein. Als Vorsitzender des Landeskomitees versteht er es als Netzwerk, in dem Ideen für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsverantwortung wachsen und konkrete Wirkung entfalten.

Foto: privat

Dr. Günter Heß (Erzbistum Bamberg)
geboren 1953, lebt in Nürnberg und engagiert sich seit über vier Jahrzehnten in der katholischen Rätearbeit im Erzbistum Bamberg. Als langjähriges Mitglied im Diözesanrat kennt er sowohl die Herausforderungen in den Gemeinden als auch auf diözesaner Ebene. Ihm ist wichtig, dass Kirche ein Ort der Mitverantwortung bleibt.


Verfasst von:

Hannes Bräutigam

Redaktionsleiter