Ausgabe: November-Dezember 2025
SchwerpunktKirche als gemeinsamer Weg
50 Jahre nach der Würzburger Synode
Vor 50 Jahren endete die Würzburger Synode. Sie war ein Versuch, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils in Deutschland konkret umzusetzen – mit Beteiligung von Bischöfen, Priester, Ordensleuten sowie vielen engagierten Laien. Sepp Rottenaicher aus der Diözese Passau, einer der wenigen noch lebenden Synodalen, erinnert sich an Aufbruch, Auseinandersetzungen – und an heitere Momente.
Papst Johannes XXIII. hatte mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) einen gewaltigen Stein ins Rollen gebracht. Die 18 Konzilsdokumente, meist mit großer Mehrheit verabschiedet, gaben der katholischen Kirche neue Impulse – doch die Umsetzung blieb herausfordernd. Auch in Deutschland gab es Widerstände. In dieser Situation wurde – angestoßen durch den Essener Katholikentag 1968 – von der Deutschen Bischofskonferenz eine gemeinsame Synode beschlossen, um die Konzilsbeschlüsse konkret im Bereich der damaligen Bundesrepublik Deutschland umzusetzen.
Die Würzburger Synode, die am 21. Januar 1971 im Dom zu Würzburg eröffnet wurde, war eine kirchliche Großveranstaltung mit mehr als 300 Synodalen – darunter Bischöfe, Priester, Ordensleute und zahlreiche engagierte Laien. Bis 1975 wurde in intensiven, mitunter konflikthaften Beratungen gerungen, diskutiert und formuliert. Am Ende standen 18 Beschlüsse und 6 Arbeitspapiere zu fast allen Bereichen kirchlichen Lebens. Bemerkenswert war die damals vom Papst erlaubte Mitentscheidung der Laien – ein Novum im Kirchenrecht. Die Synode endete offiziell am 22. November 1975.
Kirche auf Augenhöhe
Für mich war die Synode eine prägende Lebenserfahrung. Ich habe Kirche nicht als Gegenüber von Klerikern und Gläubigen erlebt, sondern als Volk Gottes auf dem Weg: Suchende Bischöfe, tiefgläubige Christinnen und Christen in Talaren, Ordenstracht oder Zivilkleidung, konservativ Vorsichtige und progressiv Drängende – sie alle rangen gemeinsam um die Zukunft. Es war ein ehrliches Ringen, ein ehrlicher Aufbruch.
Auch wenn vieles damals umstritten war: Die Würzburger Synode hat Spuren hinterlassen. Sie führte zu einem neuen Verständnis von Mitverantwortung, zur Gründung von Pfarrgemeinderäten, zur Stärkung des Ehrenamts. Sie hat Laien ermutigt, Verantwortung zu übernehmen – nicht nur beratend, sondern aktiv gestaltend. Für mich bleibt der Satz „Ecclesia semper reformanda“ keine leere Formel, sondern Ausdruck der Lebendigkeit der Kirche.
Perspektiven und Personen
Die Würzburger Synode war mehr als ein Reformprogramm. Sie war ein geistlicher und gesellschaftlicher Lernprozess. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Julius Döpfner, prägte als Präsident der Synode maßgeblich deren Stil: dialogisch, partizipativ, geistlich fundiert. Auch Persönlichkeiten wie Johann Baptist Metz, der die politische Theologie in die kirchliche Diskussion einbrachte, haben wichtige Akzente gesetzt.
In der Aula wurde gerungen, gefeilscht, gefeiert. Und es war ein Raum, in dem auch junge Menschen Gehör fanden. Nie zuvor saßen so viele Engagierte aller Generationen gleichberechtigt an einem Tisch. Ich erinnere mich an hitzige Debatten über die Beteiligung von Frauen, über neue Leitungsmodelle, über die Sprache der Liturgie. Manche Formulierungen wurden Wort für Wort gemeinsam durchgekämpft. Das war echte Synodalität – lange vor dem Begriff, der heute in aller Munde ist.
Heiterkeit und Menschlichkeit
Die Würzburger Synode war keine trockene Veranstaltung. Es wurde gestritten, ja, aber auch gelacht. So etwa, als Kardinal Döpfner eine Friedenstaube im Dom ignorierte, um sie nicht zu verscheuchen – oder als ein Fußballspiel der Europameisterschaft in der Aula diskutiert wurde. Professor Hans Maier widersprach mit väterlicher Empörung dem Vorwurf, Kindergottesdienste seien Dressurakte. Und ein Familienvater entgegnete trocken auf die Forderung nach ehrenamtlicher Mitarbeit der Ordensleute: „Dann ist mein Ehrenamt in der Kirche auch für meine Familie eine Belastung.“
Einmal wurde ein Vorschlag des Bischofs von Augsburg, das „Lachen der Kinder Gottes“ aus einem Text zu streichen, mit den Worten von Johann Baptist Metz abgeschmettert: „Wer von uns hofft schon auf einen Himmel, in dem es nichts zu lachen gibt?“ Solche Momente waren keine Nebensache – sie waren Ausdruck einer lebendigen, menschennahen Kirche.
Gesellschaftlicher Umbruch
Die Zeit der Synode war geprägt von Aufbruch, aber auch von Spannungen: Studentenproteste, Politisierung, gesellschaftliche Umbrüche. Auch in kirchlichen Räumen wehte ein neuer Wind – mit Forderungen nach mehr Demokratie, mehr Transparenz, mehr Mitverantwortung. Dass die Kirche sich inmitten dieser Herausforderungen nicht verschloss, sondern einen Weg synodaler Verständigung suchte, war damals nicht selbstverständlich. Für viele von uns war das ermutigend – und ein Zeichen, dass Kirche nicht nur verkündet, sondern auch zuhört.
Wirkung an der Basis
Nicht minder wichtig war das, was nach der Synode in den Gemeinden geschah. Die Pfarrgemeinderäte wurden vielerorts gestärkt, liturgische Formen weiterentwickelt, Frauen begannen, in Leitungsverantwortung hineinzuwachsen. Auch das Selbstverständnis der Gläubigen veränderte sich: Viele erkannten, dass sie selbst Teil der sendenden und gestaltenden Kirche sind. Es entstand eine neue Nähe zwischen „Hauptamt“ und „Ehrenamt“, zwischen Pastoral und Alltag. Vieles davon wirkt bis heute fort – auch wenn manches mühsam errungen wurde.
Verantwortung in der Öffentlichkeit
Die Synode war nicht nur innerkirchlich bedeutsam. Auch die Öffentlichkeit nahm intensiv Anteil. Nicht alle Stimmen waren wohlwollend. Ein Pastor aus dem Bistum Hildesheim erinnerte sich: „Nach der konstituierenden Vollversammlung wurde die Synode als katholisches Schülerparlament bezeichnet.“ Andere sprachen von einem Sandkasten, in dem engagierte Katholikinnen und Katholiken bauten – unter Aufsicht der Bischöfe. Doch gerade diese Mischung aus Ernst und Experiment machte den synodalen Prozess aus.
Glaube – Gelassenheit – Zukunft
Mir ist um die Zukunft unserer Kirche nicht bange. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wir alle – ob Bischöfe, Priester, Laien – sind nicht die letzte Instanz. Der Heilige Geist wirkt weiter. Ein Wort von Bischof Georg Moser aus Rottenburg-Stuttgart hat mich seither begleitet: „Gelassenheit gehört für uns Christen zu den Früchten der Erlösung.“
Heute sprechen wir viel vom Synodalen Weg. Dabei lohnt sich der Blick zurück. Denn vieles, was heute diskutiert wird, wurde schon damals bedacht – etwa die dezentrale Verantwortung, verschiedene priesterliche Lebensformen, die volle Teilhabe von Frauen. Einheit in Vielfalt: Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke der katholischen Kirche.
Für mich bleibt: Glaube und Kirche waren und sind ein unschätzbarer Mehrwert meines Lebens. Ich durfte erleben, wie Kirche sich erneuert – im Hören auf das Evangelium, im Ernstnehmen der Menschen, im Vertrauen auf den Geist Gottes. Diese Erfahrung begleitet mich bis heute – und ich wünsche allen, die heute Verantwortung in der Kirche tragen, den Mut, den Weg des Evangeliums mit Klugheit, Offenheit und innerer Freiheit weiterzugehen.
Die Würzburger Synode (1971–1975)
Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland wurde initiiert, um die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen. Mehr als 300 Synodale – Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien – berieten zu Themen wie Liturgie, Bildung, Laienapostolat oder sozialer Verantwortung. Die Ergebnisse, darunter 18 Beschlüsse, gelten bis heute als Meilensteine kirchlicher Reformbestrebungen in Deutschland.