Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: November-Dezember 2025

Schwerpunkt

Pfarrgemeinderäte in Zeiten des Mangels

Verantwortung wird „wandern“ müssen, um weiterhin der Kirche vor Ort ein Gesicht zu geben: Von Klerikern zu hauptamtlichen Nicht-Klerikern zu Ehrenamtlichen. Foto: DALL·E / Image Gen Verantwortung wird „wandern“ müssen, um weiterhin der Kirche vor Ort ein Gesicht zu geben: Von Klerikern zu hauptamtlichen Nicht-Klerikern zu Ehrenamtlichen.

Herausforderung und Chance

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern und auch die Nachrichtenagenturen berichten immer wieder: die Zahl der Mitglieder der Kirchen nimmt stetig ab. Die Kirchensteuereinnahmen stagnieren oder sinken, die Inflation reduziert deren Kaufkraft. Die Handlungsfähigkeit der Kirchen nimmt ab.

Die schwindende gesellschaftliche Bedeutung bildet sich auch in den Mitarbeiterzahlen ab. Die Bistümer berichten, dass der Bedarf an Priestern und anderen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht mehr gedeckt werden kann.

Also, alles schlecht?

Das liegt wohl im Auge des Betrachters— das Glas scheint nur noch halbvoll, dennoch liegt in jeder Herausforderung auch eine Chance. Diese Zeit hat ihre Anforderungen und stellt Fragen, aber die Antworten der Kirche scheinen zuweilen nicht zeitgemäß zu sein. Auf disruptive Änderungen folgen Antworten, die eine kontinuierliche Fortsetzung jahrzehnte- oder jahrhundertealter Aussagen darstellen. Zudem hat sich das Selbstverständnis der Kirchenmitglieder verändert: von der mehr oder weniger gleichförmigen Herde hin zu vielfältigen Gruppen individueller, selbstbewusster Katholikinnen und Katholiken.

Was wird gebraucht?

Wenn Kirche und ihre Bedeutung für die Gesellschaft betrachtet werden, kommt sofort die Gemeinschaft in den Sinn. Die Gemeinde sammelt sich um Jesus Christus und seine Botschaft. Seine Aussage „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ bleibt wesentlich. Gefragt ist verlässliche Gemeinschaft, die Gemeinsamkeiten stärkt, Individualität zulässt, Charismen fördert, diese nutzt und auf Dauer angelegt ist. Das heißt, Organisationsformen müssen sich den Anforderungen von Zeit und Ort anpassen, ohne den Kern der Gemeinschaft — die Botschaft Jesu Christi — aufzugeben.

Gleichzeitig verlangt das heutige Selbstverständnis, Mitwirkung und Verantwortungsübernahme zu ermöglichen. Das Bild des aktiven Hirten und der passiven Herde hat beim Gottesvolk weitgehend ausgedient.

Das 2. Vatikanische Konzil und die Würzburger Synode haben mit den Pfarrgemeinderäten eine wichtige lokale Organisation für die Einflussnahme auf lokale kirchliche Entscheidungen hervorgebracht. Der Pfarrgemeinderat (PGR) hat nicht nur die Organisation als Aufgabe, sondern ist auch ein Organ der Mitbestimmung in den Fragen, die nicht spezifisch dem Pfarrer oder der Kirchenverwaltung vorbehalten sind – dort gibt es nur ein Beratungsrecht. Damit ist der Pfarrgemeinderat und die darauf aufbauende territoriale Rätestruktur ein wichtiges und einflussreiches Gestaltungsgremium.

Die oben beschriebene Situation der Bistümer und damit auch der Gemeinden vor Ort erfordert, die verfügbaren Mittel (Finanzen und Personal) verantwortungsvoll und effizient einzusetzen. Der PGR muss dafür eine klare Zieldefinition und darauf aufbauend, die Planung der Zielerreichung, erarbeiten. Vordingliches Ziel ist aus meiner Sicht die Erhaltung der kirchlichen Gemeinschaft, die die Kirche ermöglicht – Christ ist man nicht für sich allein.

Die Gemeinschaft zu entwickeln und zu pflegen ist oft mehr eine Frage der verfügbaren Charismen und des persönlichen Einsatzes als eine der Finanzen. Für eine gelungene Gemeinschaft braucht es wenig: Eine Versammlungsmöglichkeit und beschränkte finanzielle Mittel für nach außen und innen wirksame Maßnahmen. Außenwirksame Maßnahmen, insbesondere im sozialen Bereich, können in Kooperation mit „Externen“ gemeinsam durchgeführt werden. Hier ist Fundraising das Mittel der Wahl. Für viele Unternehmen gilt im Social-Sponsoring der Kernsatz: „Tu Gutes und rede darüber“. Persönliche Beziehungen der PGR-Mitglieder sind da oft hilfreich.

Generell gilt es, die erwartete Wirkung einer geplanten Maßnahme zu ermitteln und in Relation zu den Kosten zu setzen und darauf basierend die Entscheidung zur Durchführung zu treffen. Die Umsetzung muss überwacht werden, um nachzusteuern und Zielabweichungen zu korrigieren. Kreativität kann finanziellen Bedarf vermindern. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Kirchenverwaltung und PGR ist hier hilfreich und notwendig. Nur gemeinsam können Ziele realistisch definiert und auch erreicht werden. Die Kenntnisse der Ehrenamtlichen sind oftmals denen der Hauptamtlichen in Sachen Projektarbeit überlegen, da sie im weltlichen Arbeitsleben als essenziell gelten, gelehrt und eingesetzt werden. Dies gilt es zu nutzen und erfolgreiche Projekte führen meist zu einem Wunsch nach mehr.

Wie geht es weiter?

Stellen wir uns auf Änderungen ein: Traditionell stützt sich die katholische Kirche auf geweihte Amtsträger, deren Zahl abnimmt. Dies führt zu größeren „Seelsorgseinheiten“ – aus der Pfarrgemeinde wird die Pfarreiengemeinschaft und spätestens morgen ein „Raum“. Noch sind an vielen Stellen die Räume mit zwei oder vielleicht auch mehr Priestern besetzt, in Zukunft wird ein Übergang von Verantwortung stattfinden müssen. Aktuell übernehmen hauptamtliche Nicht-Kleriker die Verantwortung und die Aufgabe, das Gesicht der Kirche vor Ort zu sein. Morgen werden Ehrenamtliche dies tun müssen.

Aus reiner Managementsicht ergibt die Zusammenlegung von Gemeinden zu großen Einheiten Sinn, ist aber der Gemeinschaftsbildung abträglich. Gemeinschaft braucht Nähe. Der lokale PGR mit seinen Mitgliedern kann und wird in Zukunft diese Aufgabe übernehmen müssen. Zudem ist es einfacher, neue Ehrenamtliche in der direkten, überschaubaren Nähe zu finden als in einem abstrakten Raum, welcher wenig mit der außerkirchlichen Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun hat.

Ein wichtiger Schwerpunkt für die PGR-Arbeit wird daher sein, die Gemeinschaft vor Ort aufrecht zu erhalten und sich nicht in einen geschützten Raum zurückzuziehen. Damit wird der Gemeinschaft vor Ort ein Gesicht gegeben, werden Ansprechpersonen verfügbar. Soziales Engagement kann zusammen mit den kirchlichen und weltlichen Institutionen angeschoben werden. Eine weitere wichtige Aufgabe ist auch, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für liturgische Dienste zu finden. Die Hauptamtlichen werden weder die Zeit noch den Einblick in die sozialen Strukturen vor Ort haben, um diese Aufgabe auf Dauer übernehmen zu können. Die Koordination der Angebote mit den Nachbargemeinden und Anbindung an die Gemeinden vor Ort kann vom PGR mit den örtlichen Pfarrbüros und den verbleibenden Hauptamtlichen übernommen werden. Das Ziel ist, die Kirche im Dorf zu belassen.

Die leidigen Finanzen

Sicherlich wird es auch in Zukunft nicht ohne eine sichere finanzielle Basis gehen. Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts.

Ehrenamtliche werden für ihre Tätigkeiten nicht entlohnt. Trotzdem – und ich gehe davon aus, dass das in Zukunft noch wichtiger werden wird als heute – sollten entstehende Kosten von den Gemeinden getragen werden. Dies sind insbesondere Fahrtkosten, die heute in vielen Gemeinden von den Ehrenamtlichen sang- und klanglos getragen werden, obwohl die zu fahrenden Strecken immer größer werden. Eine enge Zusammenarbeit mit den Kirchenverwaltungen wird sicherlich notwendig sein. Fundraising ist eine Aufgabe für Kirchenverwaltungen und Pfarrgemeinderäte gemeinsam – gemeinsam sind beide stark.

In Zukunft stellt sich auch die Frage, ob die katholischen Bistümer in Bayern die Trennung von Finanz- und pastoraler Verantwortung weiterführen wollen und können. Eine gemeinsame Verantwortung für beide Aspekte der Gemeinde wäre sinnvoll und stellt meiner Meinung nach eine notwendige Weiterentwicklung der aktuellen Rätestruktur da.

Ich denke, wir haben eine spannende Zukunft vor uns. Wir müssen nicht bange sein, aber gut vorbereitet.


Verfasst von:

Michael Wolf

Stellvertretender Vorsitzender im Landeskomitee