Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: November-Dezember 2025

Meditation

Unruhe. Freisein.

Foto: Maria Stettner

Schon oft bin ich an dieser Scheune vorbeigekommen. Sie liegt auf einer Wiese, unweit der Bundesstraße. Erst wurde allerlei Gerümpel abgestellt. Inzwischen ist noch ein alter Container dazugekommen. Trotzdem sieht man noch gut, dass jemand auf zwei Seiten mit einer Spraydose aktiv war, auch wenn die Schriftzüge – zwei Wörter – mit jedem Jahr etwas mehr verblassen und verdeckt werden.

UNRUHE steht da, und FREISEIN. Jemand hat ihre oder seine Weltwahrnehmung und Sehnsucht hier hinterlassen. Wie passen diese beiden Begriffe zusammen? Ist jemand so unruhig, dass er ausbrechen will, um frei zu sein? Oder ist jemand frei, aber unruhig?

Mir fällt ein, dass vom Kirchenvater Augustinus ein Satz überliefert ist, in dem er bekräftigt, dass Menschen bei Gott zur Ruhe kommen können: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ Unruhe müsste also nur überwunden werden, dann ist es gut? Nein, das wäre zu kurz gegriffen: UNRUHE – sie muss sein. Über Gewalt, Terrorismus und Anschläge, über die Boshaftigkeit und Hinterlist, über Ungerechtigkeit, die Menschen erleben in unfreien Regimen, oder wenn ihnen nach sexualisierter Gewalt nicht geglaubt wird. Über die Unbarmherzigkeit in unserer Gesellschaft, im Kleinen wie im Großen.

Aber auch über die Tatsache, dass die beste Botschaft der Welt – Gott ist in seinem Sohn Jesus Christus selbst Mensch geworden, hat unter Menschen gelebt, den Tod überwunden und ist seinen Menschen bleibend nahe – in unserem Teil der Welt nicht so richtig zu zünden scheint.

Unruhe auch über mich selbst, wenn ich zum wiederholten Mal an meinen eigenen Ansprüchen gescheitert bin, wenn ich andere verletzt oder enttäuscht habe – diese Unruhe, die mich an meine Unvollkommenheit gemahnt und daran erinnert, mich an meinen Schöpfer und Erlöser zu wenden, der mich kennt und liebt – und bei dem mein Herz zur Ruhe kommt.

Ja, das ist diese eine große Sehnsucht: FREISEIN. Frei sein von Druck, frei von inneren und äußeren Forderungen. Frei von Schuld, frei von Trauer und Schmerzen. Frei sein für Stille und zu Einkehr. Befreit leben können, ungebremst, mit einem offenen und weiten Blick für Welt, Menschen, Gott. Frei, der zu sein, den Gott gewollt hat. Frei, die zu sein, die Gott mit so viel Potential beschenkt hat. Zwei Worte wie ein Gebet: UNRUHE. FREISEIN.


Verfasst von:

Maria Stettner

Evangelisch-lutherische Pfarrerin und Referentin für Ökumene und Interreligiösen Dialog  im Landeskirchenamt der ELKB