Ausgabe: November-Dezember 2025
Schwerpunkt„Weite Räume“ für das Ehrenamt
Ehrenamt und Kirche vor Ort
Ein Liedvers aus Psalm 31 wird zum Bild für das kirchliche Ehrenamt: Der „weite Raum“ steht für Möglichkeiten, Verantwortung und Mut zur Veränderung — gerade in Zeiten des Umbruchs.
Refrain:
Du stellst meine Füße, Herr,
auf weiten Raum.
Du bist meine Hoffnung,
meine Zukunft, mein Vertraun,
bist Weg für mich und Ziel,
Wahrheit und doch Traum.
Du stellst meine Füße, Herr
auf weiten Raum.
Strophe 1)
In Trauer, Not und Angst,
in der Enge dieser Zeit,
bist du es, Herr,
mein Gott, der mich befreit.
Strophe 2)
Im Lachen, in der Freude,
in meiner Fröhlichkeit,
will ich, Herr,
dir singen in Ewigkeit.
Text: Aus der Bibel (Psalm 31)
Melodie: Thomas Höhn
„Du stellst meine Füße, Herr, auf weiten Raum. Du bist meine Hoffnung, meine Zukunft, mein Vertraun, bist Weg für mich und Ziel, Wahrheit und doch Traum.“, mit diesen Worten aus dem Psalm 31 beginnt ein Lied aus dem neuen geistlichen Liedgut auf die Melodie von Thomas Höhn. Diese Worte beschreiben für mich das ehrenamtliche Engagement in den Kirchengemeinden vor Ort. Besonders gefällt mir die Metapher vom „weiten Raum“. Der „weite Raum“ steht sinnbildlich für die zahlreichen Möglichkeiten und Chancen, die das Ehrenamt eröffnet, und die Wege, die es ermöglicht. Der „weite Raum“, der sich aufspannt, lässt Platz für ganz unterschiedliche Angebote, für Kinder und Jugendliche, für Seniorinnen und Senioren, für Familien und Paare, für Alleinstehende und Trauernde. Der „weite Raum“ möchte mit kreativen Angeboten gefüllt werden und auch altbewährte Traditionen ermöglichen. Das klingt so, als ob sich dadurch nicht nur Chancen ergeben, sondern auch Herausforderungen einhergehen. Der „weite Raum“ lässt sich so unterschiedlich gestalten wie die Menschen vor Ort sind.
„Weite Räume“ entstehen durch Engagement
In den vergangenen vier Jahren und darüber hinaus haben viele ehrenamtliche Mitglieder des Pfarrgemeinderats durch ihre unermüdliche Arbeit den „weiten Raum“ der Kirche erweitert und ihr damit Gesicht gegeben. Sie sind gemeinsam mit den Vertreterinnen und Vertretern der Kirchenverwaltungen erste Kontaktstellen in den Gemeinden und damit ein unverzichtbarer Teil der kirchlichen Struktur. Sie haben nicht nur vielfältige und unterschiedliche Veranstaltungen organisiert, sondern auch Brücken zwischen Generationen gebaut. Gemeinsam mit dem hauptamtlichen Pastoralteam ist es gelungen, Kirche zu gestalten und sie mitten im Leben der Menschen zu positionieren. Viele Menschen fragen mich, woher ich die Berufung nehme, mich zu engagieren. In solchen Situationen verweise ich gerne auf die Taufe. Mir wurde zugesagt, dass ich Gottes geliebtes Kind bin. Ich wurde gesalbt wie Könige und Propheten und mit dem Ruf „Effata“ wurden mir Augen und Ohren geöffnet, dass ich mich einsetzen möge, für eine gerechte Welt, dass ich nicht wegsehen möge, wenn ich gebraucht werde, dass ich mich einbringen möge, mit meinen Fähigkeiten, Talenten und meinem Charisma. Das versuche ich auch immer wieder nach außen zu tragen, wenn wir singen: „Im Lachen, in der Freude, in meiner Fröhlichkeit, will ich, Herr, dir singen in Ewigkeit.“
Doch die Aufgaben der Mandatsträgerinnen und Mandatsträger sind weitaus vielfältiger, als lediglich Ansprechpersonen oder Eventorganisatoren zu sein; sie sind Moderatorinnen und Moderatoren, Vermittlerinnen und Vermittler, Ermöglicherinnen und Ermöglicher. Schließlich geht es darum, kirchliche Gemeinden so zu gestalten, dass sich alle beheimatet fühlen können und niemand ausgegrenzt fühlt. Dafür ist es wichtig, demokratisch gewählt zu sein und ein Mandat zu bekommen, welches das Vertrauen der Gläubigen widerspiegelt.
Die gewählten Ehrenamtlichen bilden den Brückenkopf zum Pastoralteam und auch hier spielt die demokratische Wahl eine bedeutende Rolle. Der Pfarrgemeinderat selbst ist ein Ausdruck dieses Prinzips. Durch Wahlen bestimmt, repräsentiert er die Stimme aller Gemeindemitglieder. Dies führt zu einer stärkeren Identifikation der Gemeindeangehörigen mit ihrer Kirche und fördert das Gefühl der Zugehörigkeit und Verantwortung. Demokratische Entscheidungsfindung setzt auf Dialog und Konsens, was in Zeiten von Unsicherheit und Wandel besonders wichtig ist.
Zwischen Gewohnheit und Veränderung
In den vergangenen vier Jahren hat sich in der Kirche einiges verändert. Viele beklagen sich darüber und stellen fest – ob zu Recht oder nicht – dass Glaube beziehungsweise Kirche im Alltag immer weniger selbstverständlich ist. Firmlinge oder Erstkommunionkinder „sieht man nach dem Fest nicht wieder“, für Familien gehört der Sonntagsgottesdienst nicht unbedingt in die Planung des Wochenendes und wofür es Bittgänge braucht, kann man manchmal eher schlecht erklären. Der Liedtext mit den Worten „Du bist meine Hoffnung, meine Zukunft, mein Vertraun“ klingt in diesem Zusammenhang schon fast spöttisch. Die Herausforderungen, denen sich die Kirchengemeinden heute stellen müssen, sind vielfältig: Der demografische Wandel, die Digitalisierung und gesellschaftliche Veränderungen erfordern Antworten und Anpassungen.
Vielleicht kann man die Dynamik und den Wandel, die sich gerade beobachten lassen, mit einer Start-up-Mentalität vergleichen. Start-ups werden in der Gründungsphase von großen Industrieunternehmen oft argwöhnisch beobachtet, denn sie bringen Innovationen auf den Markt, die wahrscheinlich niemand braucht, sie bringen aber auch Innovationen auf den Markt, die einzigartig sind und die Kundinnen und Kunden bereichern. Oft geht es in den Start-ups darum, bestehende Strukturen zu hinterfragen, neue Ideen zu entwickeln und gelegentlich Risiken einzugehen, um die Gemeinschaft voranzubringen. Dabei steht bei den meisten Gründerinnen und Gründern der Gedanke im Vordergrund, dass jede und jeder Einzelne durch seine oder ihre Gaben und Talente einen wertvollen Beitrag leisten kann. In diesem Zusammenhang und vor diesem Hintergrund klingen die Worte aus dem Psalm ganz anders, nämlich ermutigend. Wir dürfen uns von einem großen Vertrauen getragen wissen, dass wir Zukunft gestalten können und das auch dürfen. Wir haben die Möglichkeit, ganz neu zu denken und zu hinterfragen. Wir dürfen loslassen und bewahren, wir dürfen austesten, scheitern und gewinnen – alles mit Gottes Rückendeckung. Er traut es uns zu, dass wir Zukunft gestalten.
Vielen Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern fällt es gerade jetzt schwer, erneut zu kandidieren. Hin und wieder erlebt man das Gefühl, dass die gewählten Vertreterinnen und Vertreter die Gemeinden „nur noch abwickeln können“, weil das Pastoralteam zu wenige Kapazitäten hat und es vor Ort nur noch wenige aktive Gläubige gibt. Im Psalm 31 finden sich Worte, die das beschreiben: „In Trauer, Not und Angst, in der Enge dieser Zeit, bist du es, Herr, mein Gott, der mich befreit.“ Ich lese das als einen Aufruf, nicht aufzugeben, auch, wenn es mir vielleicht gerade schwerfällt.
Neu aufbrechen — gemeinsam verantwortlich
Wenn ich diese Worte als Aufforderung nutze und – ähnlich wie Start-ups das tun – hinterfrage und Veränderungen zulasse, wird es möglich sein, sich neu zu (er)finden und Glauben zu leben, wenn man sich in der Gemeinde und in den Gremien miteinander auf den Weg macht. Dabei solle man auf dem festen Fundament des Glaubens stehen, denn so wird es möglich sein, in einer Kirche und einer Gemeinschaft, die „zu mir passt“, Glauben zu leben.
Der Schluss des Refrains lautet: „[B]ist Weg für mich und Ziel, Wahrheit und doch Traum.“
Darin sehe ich wieder ein Spannungsfeld, das wir als Vertreterinnen und Vertreter der Gremien erleben dürfen: einerseits haben wir Vorstellungen, wie Glaube gelebt werden müsste, andererseits sind wir mit Rahmenbedingungen konfrontiert, die zunächst nicht kompatibel scheinen. Sind sie das wirklich nicht? Passen Wahrheit und Traum wirklich nicht zusammen? Wie wäre es, wenn wir uns bereiterklären würden, Verantwortung zu übernehmen, wenn wir uns gemeinsam mit Interessierten aus der Gemeinde und den verantwortlichen Hauptamtlichen auf die Suche machen würden und wenn wir am Ende sagen könnten, wir sind Kirche – hier bei uns vor Ort – und haben Weg und Ziel, das Gott uns zeigt, fest im Blick? Wie wäre es, wenn wir so Glauben leben und Kirche träumen könnten?