Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Januar-Februar 2026

Schwerpunkt

Damit das Dorf in der Kirche und die Kirche im Dorf bleibt

Die Kirche von Ebringen – ein Ort des Glaubens, eingebettet in Weinberge, der das Gemeinschaftsleben im ländlichen Raum stärkt. Foto: Gabriele Schmidt

Für die Katholische Landvolkbewegung (KLB) sind die Menschen in den ländlichen Räumen von besonderer Bedeutung. Daher blicken wir ganz besonders dorthin und schauen auf die Herausforderungen, die sich den Menschen in den ländlichen Räumen stellen.

„Den“ ländlichen Raum gibt es nicht. Jede Region ist anders, hat andere Rahmenbedingungen und Anforderungen. Es gibt diejenigen, die nah an den Großstädten, den Ballungszentren, liegen. Und es gibt die ländlichen Räume, in denen der Weg zum nächsten Bäcker, zur nächsten Schule und zunehmend zur nächsten Kirche immer länger wird.

Zudem werden die Menschen in den ländlichen Räumen immer älter, junge Menschen verlassen ihre Heimat für Ausbildung und Studium, den ersten Job und die Familiengründung. Es entsteht eine zunehmende, vielfältige Lücke und ein Teufelskreis, der kaum aufzuhalten ist: weniger junge Menschen im ländlichen Raum, weniger Arbeitsplätze, weniger Steuereinnahmen, weniger Geld für die attraktive und familienfreundliche Gestaltung der Kommunen, weniger Infrastruktur wie ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr), Kitas (Kindertagesstätten), Schulen, Krankhäuser, Ärzte etc., weniger Nachwuchs in den Vereinen, weniger Ehrenamtliche und damit weniger Netzwerke, die für ein gutes Miteinander der Generationen stehen und dieses ermöglichen. Weite Entfernungen und Pendeln lassen die Vereinbarkeit von Familie, Erwerbstätigkeit und Ehrenamt nahezu unmöglich werden. Die Wege der Kinder zu Kita, Schule und Vereinen sind bis zu einem bestimmten Alter nicht allein zu bewältigen. All dies sind Herausforderungen, denen sich insbesondere das Familienleben auf dem Land stellen muss. Da mögen günstige Mieten oder Grundstückspreise vielleicht locken, aber der Familienalltag muss dennoch bewältigt werden. Kehren junge Familien in die „Heimat“ zurück, mag das Vorhandensein der eigenen Eltern und damit von „Generationen in Rufweite“ den Alltag erleichtern und die Last auf mehrere Schultern verteilen. Für die „Zugezogenen“, die keine familiären Anknüpfungspunkte haben, ist es nicht so einfach.

Für uns als Katholische Landvolkbewegung (KLB) Deutschland ist die Entwicklung der ländlichen Räume von essentieller Bedeutung. Dies gilt aber nicht nur für die kommunalen und staatlichen Strukturen. Es gilt gleichermaßen für die kirchlichen Strukturen. Die Veränderungen der kirchlichen Strukturen, die großen Pfarrgemeinden und -verbünde stellen die Gläubigen vor enorme Herausforderungen. Gleichzeitig bieten sie Chancen für eine lebendige Landpastoral, in der die theologischen Laien Verantwortung übernehmen können und die Verbände als Kirch- und Segensorte wirken können. Solange die Kirche im Dorf und das Dorf in der Kirche bleibt, die kirchlichen Verbände mit ihren Ortsgruppen als konkret ansprechbare Personen vor Ort sind, kann Kirche weiterhin bedeutsam sein. Dafür bedarf es jedoch eines Umdenkens, von der Citypastoral hin zu einer Stärkung der Landpastoral.

Damit das Dorf in der Kirche bleibt …

Für eine lebendige und glaubwürdige Kirche vor Ort braucht es Menschen – Haupt- wie Ehrenamtliche –, die bereit sind, Nähe zu schaffen und ansprechbar zu sein. Dieses personale Angebot ist das Herzstück diakonischen Handelns im ländlichen Raum. Damit diese Menschen ihre Aufgaben gut erfüllen können, bedarf es gezielter Ermutigung und Befähigung. Diakonische Angebote müssen dazu den nötigen Rahmen und die praktische Unterstützung bieten.

Gelingendes Engagement im Dorf braucht mehr als nur gute Absicht: Es braucht Freiräume und klare Legitimation. Menschen, die sich in Kirche und Diakonie einbringen, benötigen Rückhalt und Vertrauen von den Leitungsstrukturen. Sie müssen formal legitimiert sein und ihre Aufgaben mit verantwortlicher Freiheit gestalten können – weniger durch Vorschriften und mehr durch Mitbestimmung. Eine offene Haltung gegenüber kreativen und innovativen Ideen auf allen Ebenen ist dabei grundlegend. Entscheidend sind tragfähige Strukturen der Teilhabe. Diese schaffen die nötigen Freiräume und fördern die Durchlässigkeit zwischen den Hierarchieebenen. Eine Vernetzung sowohl nach oben als auch nach unten ist unabdingbar. Dafür braucht es sowohl hauptberufliche als auch ehrenamtliche Netzwerkerinnen und Netzwerker, die diese Aufgabe aktiv gestalten. Die Berufsrolle hauptberuflich Mitarbeitender in der Kirche sollte sich stärker an einem biblischen Leitbild des Pastoralen orientieren – geprägt von Ermächtigung statt Kontrolle. Leitungsmodelle müssen weitergedacht werden. Dabei kommt der oberen Leitungsebene im Sinne der Subsidiarität die Aufgabe zu, Räume für Verantwortung auf der unteren Ebene zu schaffen.

In jedem Dorf braucht es Orte und Formate, in denen Menschen ihren Glauben gemeinsam leben können. Regionale Vielfalt und gewachsene Besonderheiten sind zu erhalten und zu stärken. Bestehendes soll gewürdigt werden und Neues darf entstehen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, jeden Sonntag in der Dorfkirche gemeinsam Gottesdienst zu feiern.

Nicht zuletzt sind finanzielle Rahmenbedingungen entscheidend. Die kleinsten kirchlichen Einheiten – etwa Gemeindeteams – sollten über ein eigenes Budget verfügen. Für ehrenamtliches Engagement braucht es eine angemessene finanzielle Aufwandsentschädigung, um die Wertschätzung und Nachhaltigkeit dieses Einsatzes zu unterstreichen.

... und die Kirche im Dorf!

Für das Wohl des Dorfes: Kirche als gestaltende Kraft im ländlichen Raum: Kirche und Kommune tragen gemeinsam Verantwortung für das Leben im ländlichen Raum. Besonders die kirchlich Engagierten – allen voran die Mitglieder kirchlicher Gremien – sind aufgerufen, aktiv den Schulterschluss mit der Kommune zu suchen. Viele Herausforderungen und Zukunftsfragen im Dorf lassen sich nur in Zusammenarbeit bewältigen. Dabei ist es essenziell, dass alle an einem Strang ziehen und vernetzt handeln.

Damit Vernetzung gelingt, braucht es Menschen, die sie verantwortungsvoll gestalten. Diese benötigen nicht nur den entsprechenden Rückhalt, sondern auch Zeit und finanzielle Mittel. Nur so können stabile, lebendige Strukturen entstehen, die nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig tragfähig sind.

Ein besonderes Augenmerk muss auf den Erhalt von Orten der Begegnung gelegt werden. Die zunehmende Zentralisierung kirchlicher Strukturen – etwa durch die Bildung großer Pastoralräume – darf nicht zu einem Verlust an sozialen und geistlichen Treffpunkten führen. Jeder Ort braucht seine Räume, in denen Menschen einander begegnen, sich austauschen und gemeinsam ihren Glauben leben können. Das können Kirchen und Pfarrhäuser sein, aber auch Bürgerhäuser, Jugendtreffs, Dorfwirtschaften oder Mehrgenerationenhäuser. Diese Aufgabe ist nicht allein Sache der Kirche – sie liegt in der gemeinsamen Verantwortung aller.

Kirche ist Teil des kulturellen Lebens im Dorf. Sie teilt mit den Menschen Freude und Leid. Sie begleitet und unterstützt. Dazu ist Kirche vor Ort gefordert, aufmerksam, diskret und wirksam zu helfen. Schließlich lebt die Kirche im Dorf auch davon, dass der Glaube in vielfältigen Formen Ausdruck findet. Ob Gottesdienste, Kinder- und Jugendgottesdienste, Wallfahrten, Bibelkreise, Taizégebete, Exerzitien oder Weltgebetstage – all diese Formen sind Ausdruck gelebter Spiritualität und feiern das Leben. Die Herausforderung besteht darin, diese Angebote so zu gestalten, dass sie lebensnah sind und auch diejenigen erreichen, die keinen oder nur noch einen entfernten Bezug zur Kirche haben.

Hinweis: Dieser Text beruht auf dem Impulspapier der KLB „Damit das Dorf in der Kirche und die Kirche im Dorf bleibt“ und wurde in ähnlicher Form in der „Stimme der Familie“ 02-2025 bereits veröffentlicht.


Verfasst von:

Bettina Locklair

Bundesgeschäftsführerin der Katholische Landvolkbewegung (KLB) Deutschland