Ausgabe: Januar-Februar 2026
Interview„Demokratie lebt vom Ernstnehmen — und vom Miteinander“
Engagement, Nähe, Verantwortung
Florian Hölzl, Bürgermeister der Marktgemeinde Pfeffenhausen, spricht im Interview mit Gemeinde creativ über politische Kultur auf dem Land, Ehrenamt zwischen Tradition und Wandel — und darüber, wie junge Menschen für Demokratie begeistert werden können.
Gemeinde creativ: Florian Hölzl, Sie haben 2018 auf eine Landtagskandidatur auf der CSU-Liste verzichtet und sich vor kurzem gegen eine Landratskandidatur entschieden. Stattdessen setzen Sie voll auf Ihre Gemeinde. Warum?
Florian Hölzl: Ich war bereits zwischen 2016 und 2018 im Bayerischen Landtag und habe dort viele wertvolle Erfahrungen gesammelt. Nach dem Ende dieser Zeit war für mich klar: Ich möchte nah bei den Menschen bleiben, direkt mitgestalten, nicht über viele Ebenen hinweg Einfluss nehmen. Als Bürgermeister von Pfeffenhausen kann ich täglich erleben, was meine Arbeit konkret bewirkt. Es ist ein politisches Amt, aber auch ein menschliches. Ob es um ein Bauprojekt geht oder um die Unterstützung eines Vereins — man sieht und spürt unmittelbar, wie Entscheidungen das Leben im Ort beeinflussen. Diese Nähe ist Motivation und Verantwortung zugleich; sie erdet und verpflichtet mich jeden Tag neu. Außerdem erlaubt mir das Amt, Tradition und Innovation zusammenzudenken: vom Erhalt gewachsener Strukturen bis zu neuen Formen der Bürgerbeteiligung.
Wie erleben Sie die politische Kultur auf dem Land?
Auf dem Land ist Politik oft unmittelbarer und persönlicher. Die Wege sind kürzer, man kennt sich, man begegnet sich beim Bäcker, auf dem Sportplatz, im Pfarrheim. Das schafft Vertrauen, aber auch Erwartungen: Wer sich engagiert, möchte ernst genommen werden und Wirkung sehen. Ich erlebe viele Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen — im Gemeinderat, in der Freiwilligen Feuerwehr, in Musik- und Sportvereinen sowie in kirchlichen Gremien. Das funktioniert am besten, wenn Strukturen überschaubar bleiben. Werden Einheiten zu groß, geht Identifikation verloren. Nähe ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Beteiligung und verlässliche Verantwortungsübernahme. Und: Vor Ort gilt das gesprochene Wort — Verbindlichkeit entsteht aus Begegnung, nicht aus Schlagzeilen.
Was braucht es, damit dieses Engagement gelingt?
Engagement entsteht nicht aus dem Nichts. Es braucht Wertschätzung, Begleitung und Verlässlichkeit. Wir unterstützen zum Beispiel ehrenamtliche Gemeinderatsmitglieder mit gut aufbereiteten Unterlagen, klaren Entscheidungsgrundlagen und transparenten Abläufen. Zu jeder Sitzung gibt es daher eine verständliche Vorlage mit Kurzbegründung, Darstellung von Varianten, Kosten und Zeitplan — so können sich auch beruflich stark eingespannte Menschen zielgerichtet vorbereiten. Niemand soll das Gefühl haben, allein gelassen zu werden. Gleichzeitig müssen wir flexibler werden: Nicht jede oder jeder kann sich für Jahre fest binden. In Zukunft müssen wir klassische Gremien stärker durch projektbezogene Mitarbeit und thematische Arbeitsgruppen ergänzen. Hilfreich sind kleine, sichtbare Erfolge — etwa wenn eine Gruppe einen Spielplatz aufwertet oder eine Veranstaltungsreihe organisiert. Solche „Machbar-Momente“ tragen weit und wirken in Familien, Nachbarschaften und Vereine hinein. Bei aller Wichtigkeit projektbezogener Formate dürfen aber die institutionellen Gremien, in der kommunalen Welt eben der Gemeinderat, nicht entwertet werden.
Wie gelingt es Ihnen, Vielfalt zuzulassen — und trotzdem zu Entscheidungen zu kommen?
Vielfalt ist eine Stärke, braucht aber Struktur. Ich formuliere als Bürgermeister einen Vorschlag, eröffne dann den Raum für unterschiedliche Perspektiven und ermutige zu klarer Sprache ohne Denkverbote — im Rahmen unserer demokratischen Ordnung. Danach führe ich zusammen: Was ist strittig, was ist konsensfähig, was braucht Nacharbeit? Wir arbeiten mit klaren Tagesordnungen, Sachvorträgen aus der Verwaltung und danach mit Beschlüssen, die Auftrag, Frist und Verantwortung benennen. Wer abends nach der Arbeit Zeit investiert, erwartet nachvollziehbare Ergebnisse. Demokratie lebt vom Dialog, aber ebenso von Verbindlichkeit und Umsetzungsstärke. Ein gutes Gremium erkennt man daran, dass es nach intensiver Debatte gemeinsam nach vorne arbeitet — auch wenn nicht jede Position Mehrheiten findet.
Wie gehen Sie mit undemokratischen Haltungen um?
Mit Klarheit. Wer demokratische Grundwerte infrage stellt, dem wird widersprochen. In Pfeffenhausen haben wir eine stabile demokratische Basis; in übergeordneten Gremien begegnen uns populistische Zuspitzungen. Dort helfen nur Haltung, Sachlichkeit und das beständige Aufzeigen von Grenzen: Was ist legitime Kritik — und was überschreitet die rote Linie? Zugleich gilt: Man gewinnt Debatten nicht allein durch Abgrenzung, sondern indem man gute, überprüfbare Lösungen anbietet, transparent handelt und Beteiligung ermöglicht. Wenn Menschen merken, dass Entscheidungen nachvollziehbar sind und dass ihre Einwände einfließen, verliert Polarisierung an Zugkraft.
Wie gestaltet sich das Miteinander von Kommune und Pfarrei?
Sehr partnerschaftlich. Wir stehen im engen, direkten Austausch — nicht nur über formale Wege, sondern im Alltag. Viele Menschen engagieren sich zugleich kommunal und kirchlich; das schafft Vertrauen. Bei Sanierungen, Raumnutzungen oder sozialen Anliegen finden wir pragmatische Lösungen. Während der jüngsten Kindergarten-Sanierung etwa konnten Gruppen zeitweise in kirchlichen Räumen unterkommen — unbürokratisch und schnell. In Notlagen stimmen wir uns kurz ab, damit Hilfe wirklich ankommt. Diese Verzahnung von öffentlicher und kirchlicher Gemeinde stärkt den sozialen Zusammenhalt — und damit auch die demokratische Kultur im Ort. Sie zeigt: Verantwortung ist teilbar, solange das Ziel gemeinsam ist.
Wie gelingt es, junge Menschen für Demokratie zu gewinnen?
Indem wir ihnen Verantwortung zutrauen. Wir haben zum Beispiel unter echter Einbindung junger Menschen einen Dirt-Bike-Parcours erstellt. Jugendliche haben hier nicht nur den Wunsch geäußert, sondern aktiv mitgeplant. So entsteht das Gefühl: „Ich zähle, mein Einsatz verändert etwas.“ Dazu gehören niedrigschwellige Beteiligungsformate — Jugendforen, offene Werkstätten, digitale Kurzumfragen — und sichtbare Anerkennung: Wer mitmacht, wird gesehen. Hier haben wir als Gemeinde, wenn ich in die Zukunft blicke, sicherlich auch noch Luft nach oben. Ich selbst durfte früh Verantwortung übernehmen; diese Erfahrung prägt mich. Wir müssen jungen Menschen Räume geben, in denen sie sich ausprobieren, Fehler machen, lernen und wachsen können. Wichtig ist auch ein verständlicher Einstieg: kurze Sitzungen, klare Aufgaben, Mentorinnen und Mentoren, die begleiten, statt zu bevormunden.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Demokratie auf dem Land?
Dass die Stärke der Kommunen noch deutlicher anerkannt wird — politisch wie finanziell. Demokratie beginnt nicht in der Hauptstadt, sondern im Dorf: beim Vereinsabend, im Gemeinderat, beim Dorffest, im Gottesdienst. Dafür brauchen wir Orte der Begegnung: Bürger- und Kulturhäuser, Mehrgenerationenzentren, lebendige Vereine und verlässliche Daseinsvorsorge. Wir investieren deshalb in Pfeffenhausen aktuell in ein Bürger- und Gesundheitszentrum als Treffpunkt und Anker. Wenn Menschen erleben, dass ihre Heimat lebendig ist und dass sie gebraucht werden, sinkt die Anfälligkeit für einfache Parolen. Mein Wunsch: verlässliche Rahmenbedingungen, gute Infrastruktur und eine Kultur des Zutrauens — dann bleibt Demokratie auf dem Land kraftvoll, lernfähig und zukunftsfähig.
Florian Hölzl, 40 Jahre, verheiratet und Vater zweier Töchter, ist seit 2020 Erster Bürgermeister der Marktgemeinde Pfeffenhausen im Landkreis Landshut. In den Marktgemeinderat wurde er schon 2008, im Alter von 22 Jahren, gewählt. Seither gehört er auch dem Kreistag von Landshut an. Der studierte Jurist, der seine Schulzeit am konfessionellen Maristen-Gymnasium Furth bei Landshut zubrachte, war überdies von 2016 bis 2018 Mitglied des Bayerischen Landtags. Vor seiner Zeit als Bürgermeister durchlief er unterschiedliche berufliche Stationen beim Freistaat Bayern. Beispielsweise war er Abteilungsleiter am Landratsamt oder Leiter des politischen Planungsstabs im Bayerischen Bau- und Verkehrsministerium. Der Kommunalpolitiker engagiert sich besonders für eine lebendige Demokratie im ländlichen Raum und setzt auf Bürgernähe, Transparenz und Dialog. Unter seiner Leitung arbeitet die Gemeinde daran, Tradition und Innovation miteinander zu verbinden — vom Ausbau erneuerbarer Energien bis hin zur Stärkung von Vereinen und Ehrenamt als tragende Säulen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.