Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Januar-Februar 2026

Schwerpunkt

Die Bedeutung Sozialer Orte für den ländlichen Raum

Renovierungsbedürftiger Pfarrhof in Bayersried (Landkreis Ostallgäu). Trotz sozialer Nutzungsinte-ressen wurde er an eine Privatperson verkauft. Foto: Martin Schneider

Aufgabe für Gesellschaft und Kirche

Der ländliche Raum wird immer mehr als Pionierfeld sozialer Innovation und Gemeinschaftsbildung entdeckt. Doch der Verlust öffentlicher und kirchlicher Räume droht, den Zusammenhalt zu schwächen. Es gibt Ideen, wie soziale Orte als wichtige Anker für Gemeinschaft und Teilhabe in ländlichen Regionen dienen können und welche Rolle die Kirchen in diesem Wandel spielen.

Beiträge über den ländlichen Raum beginnen meist mit einer Defizitanalyse. Auf der anderen Seite beginnt sich das Bild zu verändern. Im medialen, politischen und wissenschaftlichen Diskurs ist in den letzten Jahren eine deutliche Renaissance des Themas Ländliche Räume zu beobachten. Angesichts wachsender räumlicher Ungleichheiten gewinnt die Frage nach gleichwertigen Lebensverhältnissen an Bedeutung. In diesem Zusammenhang hat sich der Begriff der räumlichen Gerechtigkeit etabliert. Zudem wird über eine Transformation der Landwirtschaft mit Blick auf den Klimawandel ebenso intensiv diskutiert wie über den Ausbau ländlicher Infrastrukturen im Zuge der Energiewende.

Es wird erkannt, dass die mit den sozial-ökologischen Transformationsprozessen verbundenen Verteilungskonflikte nur durch eine faire Verteilung von Verantwortlichkeiten entschärft werden können. Andernfalls profitiert der politische Populismus von Verlustängsten und untergräbt das Vertrauen in die Demokratie. Es ist aber auch zu beobachten, dass neue Verbindungen zwischen transformativen städtischen und ländlichen Bewegungen entstehen, etwa in Fragen der Bodenpolitik oder des gemeinschaftlichen Wirtschaftens. Hier werden zunehmend Gemeinsamkeiten erkannt und Lernprozesse angestoßen. Stadt und Land werden als komplementäre Handlungsräume gesellschaftlicher Transformationen verstanden.

Bedeutung von Sozialen Orten in Zeiten des Verlusts

Es gibt also zwei entgegengesetzte Perspektiven auf ländliche Räume. Beide erfassen reale Dimensionen des Wandels, den ländliche Räume derzeit erleben. Die eine hebt das Abgehängt-Sein hervor: leerstehende Dörfer, schwindende Infrastruktur, rechtspopulistische Mobilisierung. Die andere beschreibt ländliche Räume als Pionierräume – als Orte sozialer Innovation, zivilgesellschaftlicher Kreativität und neuer Gemeinschaftsformen.

Die Defizitperspektive trifft insofern zu, als sich in kaum einem anderen Raumtyp Verlust-Erfahrungen so stark verdichten wie auf dem Land. Der Rückzug öffentlicher und privater Infrastruktur – die Schließung von Gaststätten, Schulen, Arztpraxen, Gemeindehäusern und Kirchen – lässt zentrale Orte der Begegnung verschwinden. „Erst macht die Dorfkneipe zu und dann auch noch die Kirche“ – in diesem Satz bündelt sich das Gefühl vieler: Die Orte, an denen man sich früher traf, redete, feierte und miteinander lebte, gehen verloren. Zurück bleiben Dörfer, in denen Menschen zunehmend vereinzeln. Wo früher Versammlungen, Feiern oder Wahlveranstaltungen stattfanden, ist plötzlich Leere. Ohne öffentlich zugängliche Räume sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen einander begegnen oder sich in lokale Netzwerke einbringen. Räume ermöglichen Begegnung, Gespräch, Aushandlung, Zugehörigkeit. Wo sie fehlen, erodiert das Gemeinwesen. „Soziale Orte, an denen sich Akteur*innen real treffen können, an denen Engagement entwickelt wird und Zusammenhalt entsteht, sollten insbesondere in wirtschaftlich und zivilgesellschaftlich schwächeren Regionen gefördert werden“, so Claudia Neu, Berthold Vogel und Jens Kersten. In ihrem 2022 veröffentlichtem Konzept verstehen sie Soziale Orte als Gemeingüter, die es rechtlich wie politisch zu sichern gilt.

Bei kirchlichen Landverbänden – etwa der Katholischen Landjugend- und Landvolkbewegung – ist dieses Anliegen keineswegs neu. Seit Jahrzehnten verweisen sie auf die Bedeutung einer werteorientierten Dorfentwicklung, die auf Verantwortung, Solidarität und gemeinsames Handeln setzt. Dieser zunächst auf Einstellungen und Haltungen gerichtete Fokus gewinnt angesichts aktueller kirchlicher Entwicklungen eine neue materielle Dimension: Es geht nicht mehr nur um Geisteshaltungen, sondern um konkrete Räume, in denen Gemeinschaft entstehen kann – um soziale Orte, die offenhalten, was Gesellschaft im Innersten zusammenhält.

Kirchliche Räume als Soziale Orte

Die Kirchen verfügen über einen umfangreichen Bestand an Gebäuden und Räumen (siehe dazu meinen Beitrag in Gemeinde creativ Januar-Februar 2024). Diese könnten zu Orten der Begegnung und des sozialen Zusammenhalts werden – gerade dort, wo andere Infrastrukturen verschwinden. Allerdings reagieren die Kirchen, selbst kriselnde Institutionen, vielerorts mit Rückzug. Es besteht die Tendenz zu einem „kirchlichen Reduzierungsbetrieb“ (Thomas Seiterich), der vorrangig der Logik der Kosten folgt, und nicht der Logik der Beziehung. Gemeindehäuser werden verkauft, Räume geschlossen, Aktivitäten zentralisiert. Wirtschaftlich mag das rational erscheinen; in sozialer Hinsicht ist es problematisch. Denn Begegnung ist keine Nebensache, sondern das Fundament von Teilhabe und Zusammenhalt. Das Ziel sollte sein: Kirchliche Räume als soziale Orte verstehen, die Begegnung, Beteiligung und Gemeinsinn ermöglichen – weit über kirchliche Binnenräume hinaus.

Ländliche Räume als Experimentierräume

Diese Perspektive kann anschließen an eine positive Sichtweise auf ländliche Räume. Diese sind heute vielfach Laboratorien neuer Formen des Zusammenlebens. Bürgerbusse, Dorfläden mit Poststelle, wiedereröffnete Schulen, Energiegenossenschaften oder mobile Pflegedienste – all diese Initiativen entstehen dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, weil sie wissen, dass Daseinsvorsorge ohne Eigeninitiative nicht funktioniert. Bestätigt wird diese Perspektive durch ein Theorie-Praxis-Projekt, das das Wissenschaftliche Kuratorium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum 2023 und 2024 durchgeführt hat. Ziel war es, gemeinsam mit regionalen und kommunalen Zukunftsgestalterinnen die Vielfalt transformativen Handelns zu erfassen und zu reflektieren. Die Recherche machte deutlich, dass sich im ländlichen Raum bereits viele Akteure aus der Kommunalpolitik, Bürgerinnen und Bürger aus dem Unternehmertum sowie der Zivilgesellschaft engagieren, um aktiv und nachhaltig den Wandel zu gestalten.

In der Analyse der Interviews und Gespräche tritt eine sozialethische Leitfrage deutlich hervor: Wie kann öffentliches Eigentum so gestaltet werden, dass es Gemeinwohlorientierung und Teilhabe ermöglicht? In Deutschland haben sich diesbezüglich Genossenschaften, Zweckverbände und Eigenbetriebe als Formen kollektiven Eigentums bewährt. Auch wenn viele der transformativen Initiativen im ländlichen Raum an strukturellen Grenzen scheitern, zeigen sie doch: Infrastrukturen können utopisch sein. „Infrastrukturelle Utopien“, so nennen Forscherinnen und Forscher diese Phänomene, wenn Bürgerinnen und Bürger neue Organisationsformen erproben. Sie sind praktische Sozialutopien im Kleinen. Der utopische Überschuss, der in diesen Bewegungen liegt, ist vielleicht die wichtigste Ressource unserer Zeit.

Für eine gemeinwohlorientierte Kirchenentwicklung

Ländliche Räume sind Prüfsteine gesellschaftlicher und kirchlicher Solidarität. Hier entscheidet sich, ob Teilhabe, Demokratie und Zusammenhalt Zukunft haben. Wenn die Kirchen Räume öffnen, statt sie zu schließen; wenn sie Begegnung fördern, statt Strukturen zu verwalten; wenn sie Verbundenheit stiften, statt Distanz zu vergrößern – dann tragen sie zum Gemeinwohl bei. Gegen Einsamkeit hilft keine Seelsorge allein, sondern der Schutz und die Förderung von Sozialen Orten. Es ist daher bedenklich, dass kirchliche Institutionen in diesem Kontext derzeit kaum als Akteure des Wandels wahrgenommen werden.


Verfasst von:

Martin Schneider

Professor für Moraltheologie und Sozialethik an der School of Transformation und Sustainability der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt