Ausgabe: Januar-Februar 2026
SchwerpunktOrte und Bewegungen der Landpastoral
Landvolkshochschulen und Landverbände
Die (Katholischen) Landvolkshochschulen (LVHS) – wie das Bildungshaus LVHS Niederalteich – sind mehr als nur Tagungs- oder Beherbergungseinrichtungen. Sie sollen nicht nur Unterkunft bieten, sondern einen Raum für Bildung und Begegnung schaffen.
Die Bildungszentren im ländlichen Raum haben eine wichtige Aufgabe – eine Mission. Sie sind Schätze und Juwelen in der kirchlichen Landschaft, gerade in Zeiten der Veränderung. Das verbindet sie mit den Landverbänden Katholische Landvolkbewegung (KLB) und Katholische Landjugendbewegung (KLJB). Alle drei sind ähnlich alt – circa 75 Jahre. Alle drei sind eine Antwort auf die gesellschaftlichen Herausforderungen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Dritten Reich. Alle drei sind sie christlich motivierte Aufbruchs- und Bildungsbewegungen auf die Zukunft hin. Männer und Frauen, die etwas verändern wollen, die gemeinsam anpacken – nicht ideologisch gleichförmig, sondern im guten Sinne streitbar und vielfältig: herzlich, mutig, kritisch wie es der Niederalteicher Kreis benennt. Sie folgen einem Bildungsauftrag und gestalten aktiv Landpastoral im Sinne einer menschenfreundlichen, lebensfrohen Mitgestaltung von Kirche, Politik und Gesellschaft aus einem starken Bewusstsein für Gerechtigkeit und Frieden.
Die Katholischen Landvolkshochschulen – neben der LVHS Niederalteich gibt es in Bayern noch die KLVHS Wies, das Lernwerk Volkersberg und die KLVHS Petersberg – sind Orte des Dialogs, der Begegnung, des Krafttankens und der Inspiration. Sie sollen in ihre Regionen mit ihrer Persönlichkeitsbildung und Bildung für Schöpfungsverantwortung ausstrahlen, bewegen, ermutigen. Damit sind sie prädestiniert, die aktuellen Transformationen und Veränderungsprozesse zu begleiten, mitzugestalten und zu ermöglichen.
Alles ist miteinander verbunden
Bildung im christlichen und humanistischen Sinne, inspiriert von den vom dänischen Pastor Grundtvig geprägten Heimvolkschulen, ist nicht funktional, sondern umfasst mehr als nur Wissensvermittlung oder Kompetenzförderung. Bildung meint den ganzen Menschen – dem Leben Richtung geben – wie es in Niederalteich heißt: Bildung, Begegnung, Bewusstsein. Da gehören Spiritualität, Kreativität und Reflexion, da gehören Zuhören und Dialog, Solidarität, Miteinander- und Voneinander-Lernen wesentlich dazu. Das bedeutet da sein, ansprechbar sein, hinterfragen und sich konstruktiv-kritisch, aktiv mitgestaltend einbringen.
Im Verständnis der LVHS Niederalteich bedeutet Bildung, zu verinnerlichen und erfahrbar zu machen, was die Enzyklika „Laudato si“ unter „alles ist miteinander verbunden“ beschreibt. Das ist das Ziel. Dem dient die Hauswirtschaft, dem dienen die Verwaltung und die Finanzen, dem dienen Leitung und Bildungsbereich. Dem dienen ebenso die vielfältigen Netzwerke und Foren, die in Niederalteich zum Beispiel als „Netzwerk Kirche auf dem Land“ landpastorale Fragen diskutieren oder das Ökosoziale Forum, das sich der Gerechtigkeit stellt.
Alle im Haus wirken daran mit. Das bedeutet als Haus Orientierung am Gemeinwohl: damit Wirtschaft nicht tötet, sondern ersetzt wird in eine Wirtschaft, ein Wirtschaften, das dem Leben dient. Haushalten im besten Sinn des Wortes: Wir – im Sinne aller Bewohnerinnen und Bewohner des gemeinsamen Hauses Erde – müssen davon leben und fair bezahlen und bezahlt werden können, nicht ausbeuten: weder die Armen, an den Rand gedrängten, noch die in Schöpfungswehen schreiende Erde. In Zeiten knapper werdender Zuschüsse, steigender Tarife und Kosten bleiben dies große ökonomische Herausforderungen, aber auch lehramtlicher Auftrag.
Sorge um das gemeinsame Haus
Hauswirtschaft beschreibt möglicherweise das, was mit dem Untertitel der Enzyklika „Sorge um das gemeinsame Haus“ mitschwingt: Es geht um die fröhliche Genügsamkeit, einen einfachen Lebensstil, der in Dankbarkeit und Staunen über die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung wurzelt und nur das verbraucht, was wirklich gebraucht wird.
Auf dem Land ist das besonders lebensnah erfahrbar: Säen, Wachsen, ernten – seinen Teil beitragen, aber dennoch beschenkt werden, es nicht in der Hand haben. Dieser Kreislauf des bäuerlichen Kalenders ist schon lange nur noch am Rand Rhythmus für unser Leben. Städterinnen und Landmenschen sind schon lange dabei, sich davon zu entfremden. Ebenso droht angesichts technischer Machbarkeiten in Vergessenheit zu geraten, dass wir unser Dasein nicht uns selbst, sondern anderen verdanken.
Das Mittagessen während des Seminars dient nicht nur der Sättigung, sondern vollendet und rundet das Seminar ab: Es unterbricht und würdigt die geleistete Arbeit und verbrachte Zeit. Es bietet Raum, das Gelernte und Erfahrene zu verdauen und die geknüpften Verbindungen zu vertiefen. Zugleich erdet es, verbindet es Kopf, Herz und Hand. Wir brauchen Beständigkeit, Rhythmus, Ruhe und Vollendung im Feiern und Innehalten und Freuen über das Erreichte.
Haus-Wirtschaft, da steckt „Haus“ drin: Heimat, Herberge, ein Dach über dem Kopf und Hausgemeinschaft: Leben und lernen unter einem Dach. Das ist das Motto der Bildungszentren im ländlichen Raum. Das trifft in Stadt und Land nur mehr die Lebensrealität weniger Menschen. Da fungiert eine LVHS als heilsamer Andersort.
Bezugsorte, Begegnungsräume, Gemeinschaften
Auf dem Land ist Bildung besonders wichtig. Nach dem Zweiten Weltkrieg erkannten die Kirchen und die Bauernverbände diese Notwendigkeit und gründeten gemeinsam (Katholische) Landvolkshochschulen und (Katholische) Landverbände, um der Ideologie des Dritten Reichs durch Bildung und eine menschenfreundliche Gemeinschaft zu begegnen.
Wir Menschen leben von Begegnungen, in einem und von einem Netz an Beziehungen und wir lernen dabei. Als soziale Wesen vielleicht noch mehr als über KI, Videos etc. Was mit Emotionen und Begegnungen verknüpft ist, bleibt uns besser zugänglich an Wissen, an Können, und Erfahrungswissen können keine Videos ersetzen.
Der Start mit einem gemeinsamen Essen lädt ein, den Alltag und Leistungsdruck abzulegen, umsorgt werden, beschenkt mit den liebevoll zubereiteten Köstlichkeiten der Erde, dankbar sein, sich an einen gedeckten Tisch setzen dürfen, vorab freundlich empfangen werden, willkommen sein.
Der Mensch ist ein Individuum – einzigartig und besonders. Sowohl als Gast als auch als Mitarbeiter. Er und sie dürfen sich als selbstwirksam, als gesehen und sehenswert erfahren, dass ihnen zugehört wird und sich andere für sie interessieren, dass sie etwas zu sagen haben und andere etwas zu sagen haben, dass Meinungen verschieden sein können und müssen, weil Menschen verschieden und unterschiedlich sind, dass es trotzdem wichtig ist, um Wahrheit, gemeinsame Grundlagen, Werte zu ringen und sich auf Gemeinsames zu verständigen und Trennendes auszuhalten: Das ist Leben und Lebendigkeit.
Potenzial für pastorale Räume
Landvolkshochschule - das ist nicht so sehr das Haus, sondern es sind die Menschen, die dort arbeiten und zu Gast sind und die Gemeinschaft darüber hinaus. Denn es geht nicht nur um einen Aufenthalt, die Förderfähigkeit eines Seminars, sondern darum, dass etwas vom Niederalteicher Geist über den Aufenthalt hinauswirkt und ausstrahlt und die Welt im Sinne des Evangeliums verändert.
Die Landverbände mit den Landvolkshochschulen bergen einen Schatz an Erfahrung und Mobilisierung für die bereits in vollem Gang befindlichen Umstrukturierungsprozesse. Sie können das fehlende Gemeinschaftsgefühl in immer größer werdenden pastoralen Räumen auffangen. Die Landvolkshochschulen wie Niederalteich, Lernwerk Volkersberg, Petersberg und Wies sind wichtige pastorale Orte. Die LVHS in Niederalteich im Besonderen versteht sich als Kraftort und Ideenschmiede, Dialogort und Begegnungsraum, um sich ab und an herauszuziehen aus dem ewigen Funktionsmodus, innezuhalten, aufzutanken und neu aussenden zu lassen, um sich mit neuer Kraft, frischem Mut und Ideen konstruktiv in die Transformationsprozesse in Kirche, Gesellschaft und Politik einbringen zu können. Mögen die Bistümer den Wert der Landvolkshochschulen als Orte und als personale Angebote im Pastoralen Raum erkennen und weiter bezuschussen, um in die Zukunft von Kirche zu investieren und gemeinsam daran zu bauen.