Ausgabe: Januar-Februar 2026
ÖkumeneHier haben alle ihren Platz
Ökumenisches Zentrum im Würzburger Stadtteil Lengfeld seit 50 Jahren
Seit etwa 50 Jahren ist das Ökumenische Zentrum (ÖZ) im Würzburger Stadtteil Lengfeld ein Ort gelebter Zusammenarbeit von evangelischen Christinnen und Christen sowie Katholikinnen und Katholiken. Das bauliche „Gefäß“ ist nur die Hülle — entscheidend ist der lebendige Inhalt aus Gottesdiensten, Gemeinschaft und Verantwortung für die Nachbarschaft.
Ein Gebäudekomplex, ein Zentrum, ist zunächst nichts anderes als ein Gefäß. Mag es baulich noch so schön sei: Fehlt es am Inhalt, hat das Zentrum seinen Sinn verfehlt. Das Ökumenische Zentrum (ÖZ) im Würzburger Stadtteil Lengfeld ist ein bauliches „Gefäß“ mit lebendigem Inhalt. „In ganz Nordbayern gibt nur zwei ökumenische Zentren“, sagt Stefan Meyer, evangelischer Pfarrer im ÖZ. Das Lengfelder Zentrum ist nach seiner Wahrnehmung das lebendigere.
Bevor das Ökumenische Zentrum im Dezember 1975 eingeweiht wurde, hatte Monika Bulla, Akteurin der ersten Stunde, kaum eine Ahnung, wie Protestanten ihre Spiritualität leben. Es gab damals in Lengfeld nur wenige Menschen evangelischen Glaubens. Sie hatten nicht einmal eine eigene Kirche. Für die Katholiken gab es zu jener Zeit immerhin schon die Pfarrei St. Lioba. In der Schule erlebte die ehemalige Pfarrsekretärin, dass immer dann, wenn katholischer Religionsunterricht anstand, zwei oder drei Mitschülerinnen aufstanden und ins benachbarte Estenfeld fuhren.
Dennoch oder gerade weil sie wenig Ahnung hatte, setzte sich Monika Bulla von Anfang an für das Ökumenische Zentrum ein. „Ich ginge von Tür zur Tür und verkaufte ‚Bausteine‘“, erinnert sie sich. Diese symbolischen „Bausteine“ trugen vor mehr als 50 Jahren zur Finanzierung des neuen Zentrums bei. Dass das ÖZ bis heute so lebendig ist, mag daran liegen, dass es in der Aufbruchstimmung der 1970er Jahre auf Wunsch der Menschen an der Basis entstanden war. „Der Grundgedanke stammt nicht von einem Pfarrer“, betont Katholik Alois Hornung.
Ein Blick in den Spiegel der Geschichte zeigt: Es hat sich ökumenisch viel getan seit der Gründung des ÖZ vor fünf Dekaden – wenngleich noch nicht alle Wünsche erfüllt sind. Die Ursachen lassen sich, wie in der weltlichen Politik, meist in hierarchisch höheren Sphären finden. So manches scheitert an Prinzipien, die am Ende nur durch Christen in gehobener Funktion, etwa durch den Bischof oder gar den Papst, verändert werden könnten. Aus der Sicht von „Ökumene-Engagierten“ tut sich hier zu wenig. „Von Christen, die lange im ÖZ aktiv waren, habe ich gehört, dass sie sich fragen, ob sich ihr Engagement rentiert hat“, sagt Stefan Meyer.
Sonntagsmorgen ökumenische Gottesdienste
„Es bewegt sich etwas, doch das ist nicht immer spektakulär“, entgegnet Harald Fritsch, Priester der ins ÖZ integrierten Pfarreien St. Lioba und St. Laurentius. Seit Jahren setzt sich der Theologe in der Ökumene-Kommission der Diözese Würzburg für ein gutes Miteinander von Katholiken und Protestanten ein. Dadurch sieht er Fortschritte stärker als Außenstehende. Gearbeitet werde zum Beispiel an einer „ökologisch-ökumenischen Spiritualität“, erzählt er.
Im ÖZ denkt man kontinuierlich darüber nach, wie man noch ökologischer leben könnte. Um Energie zu sparen, werden Räume im Zentrum „intelligent“ genutzt. Eignet sich von der Größe her ein kleinerer evangelischer Raum am besten für eine katholische Veranstaltung, wird selbstverständlich der genutzt.
Vor zwei Jahren, erzählt Harald Fritsch, gab es einen großen Durchbruch im Sinne der Ökumene. Seitdem dürfen in der Diözese ökumenische Gottesdienste auch am Sonntagvormittag gefeiert werden. Und zwar ohne dass man zuvor aufwändig um Genehmigung bitten müsste. Im Durchschnitt findet nun ein ökumenischer Gottesdienst im Monat sonntagvormittags statt.
Wer das nicht möchte, kann in die Vorabendmesse gehen. Schließlich ist trotz ÖZ kein Christ in Lengfeld zur Ökumene gezwungen. Es gibt denn auch Katholiken und Protestanten, die sich dafür nicht interessieren. Und manche Katholiken schätzen es, „unter sich“ den Rosenkranz zu beten. Selbstverständlich ist das erlaubt. „Uns war es von Anfang an wichtig, dass alle mit ihrer Spiritualität ihren Platz haben“, sagt Barbara Hornung.
Die Rahmenbedingungen für den Aufbau des ÖZ waren äußerst günstig: Beide Gemeinden, die katholische und die evangelische, hatte im wachsenden Stadtteil immensen Raumbedarf. Nun gibt es Kirchen nicht zum Schnäppchenpreis. Und auch damals schon waren die finanziellen Mittel knapp. So entstand aus der Basis heraus die Idee, ein gemeinsames Zentrum zu gründen. Die Lengfelder wurden damit direkt angesprochen. Sie sollten entscheiden. 1970 startete eine Fragebogen-Aktion. Widerstand war rar. Im Gegenteil. Die Antwort fiel laut Alois Hornung äußerst positiv aus: 90 Prozent befürworteten den Bau.
Gemeinsam um ein Miteinander ringen
Fortschritte fallen nicht einfach so in den Schoß. Um Fortschritte muss gerungen werden. Das erfuhren auch die Katholiken und Protestanten, die sich für das Ökumenische Zentrum engagierten. „Am Anfang war die Euphorie riesig“, erzählt Alois Hornung. „Wir waren vor 50 Jahren eine ökumenisches Speerspitze, ein Leuchtturmprojekt“, bestätigt Jochen Scheidemantel, Vorsitzender des Freundeskreises des ÖZ. Der damalige Glanz ist etwas verfärbt. Auch weil es heutzutage viel mehr ökumenische Initiativen gibt. Dennoch weist das ÖZ bis heute Alleinstellungsmerkmale auf. Dazu gehört, dass jede Gemeinde bei Entscheidungen die andere Gemeinde mit im Blick hat.
Stefan Meyer, der 2023 aus dem Landkreis Miltenberg nach Lengfeld kam, gehört wie Harald Fritsch zu jenen Christen, die sich seit langem für ein vielfältiges Christentum einsetzen. „Ich komme aus einem ökumenischen Gemeindeverbund und habe beim Stellenwechsel nach Ähnlichem gesucht“, erzählt er. Die lokale Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) in Obernburg, in die er sich eingebracht hatte, ist breiter aufgestellt als das ÖZ. Auch orthodoxe Christen sowie Anhänger der Freikirchen sind hier integriert. Er sei, gibt Stefan Meyer zu, am Anfang ein „kleines bisschen enttäuscht“ gewesen, als er sah, dass das ÖZ bislang „nur“ Protestanten und Katholiken im Blick hat.
Dass Menschen über Gegensätze hinweg um ein Miteinander ringen, kann in den aktuellen Zeiten des gesellschaftlichen Gegeneinanders nicht hoch genug geschätzt werden. Angesichts des wirtschaftlichen Abschwungs verschärfen sich die Gegensätze weiter. Warner schlagen Alarm: Alles müsse getan werden, damit nicht Teile der Gesellschaft in Anarchie abgleiten.
Im ÖZ werden solche Prozesse nicht ausgeblendet. Ganz im Gegenteil. Harald Fritsch ist besorgt. Furchtbar findet er vor allem, dass es sozial Schwachen durch politische Entscheidungen bald womöglich noch schlechter gehen könnte. Unabhängig von der Frage, wie stark man aufgrund der geopolitischen Turbulenzen die Heere armieren sollte, was große Mengen an Geld verschlingt, warnt er davor, soziale Probleme zu vernachlässigen. Vor diesem Hintergrund verweist er auf das Jahresmotto des ÖZ, das weithin am Zentrum prangt: „Menschenwürde Nächstenliebe Zusammenhalt“.
Das ÖZ-Team zeigt seit 50 Jahren, dass es gemeinsam möglich ist, mit Herausforderungen fertig zu werden. Aktuell steht eine neue Herausforderung an. Auf katholischer Seite formiert sich der neue Pastorale Raum „Würzburg Nord-Ost“. Auch auf evangelischer Seite stehen ebenfalls Umstrukturierungen an. Als Kurator des „Urbanen Raums Sektor Nord-Ost“ hat Harald Fritsch viele zusätzliche Aufgaben zu erfüllen. Und wenig Zeit. Zum Glück stehen ihm und seinem Amtskollegen Stefan Meyer der „Freundeskreis des Ökumenischen Zentrums“ mit seinem engagierten Vorsitzenden Jochen Scheidemantel zur Seite.