Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Januar-Februar 2026

Kommentar

Krise der Seelsorge

Foto: privat

In der Geschichte „Von der Stadtmaus und der Landmaus“ kannte die alte Schulfibel alle Stereotypen dieser Lebensbereiche. Heute werden solche Muster nur noch begrenzt erlebt; Menschen sind mobiler, flexibler und globaler geworden. Noch halbwegs „wissende“ Kirchengemeinden lösen sich in Stadt und Land zunehmend auf. Ebenso die Besucherinnen und Besucher der Sonntagsmessen und die Anfragen nach Sakramenten. Allerheiligen und Weihnachten bedeuten vielerorts kein „volles Haus“ mehr.

Manche Bischöfe diagnostizieren betriebswirtschaftlich, es gebe keinen Mangel an Priestern, sondern an Gläubigen — auf dem Land ebenso wie in der Stadt. War die Stadt Bild für Mobilität, Freiheit und Ort der 1 000 Lebensmöglichkeiten, genügen heute vielleicht zwei oder drei, die ein Kreis um Jesus bekanntlich braucht — samt einem Priester in erreichbarer Nähe.

Die Situation auf dem Land ist angespannt: Mein eigener Pfarreienverband umfasst in einem Radius von etwa 25 km fünf altehrwürdige Pfarreien mit drei zugehörigen Filialkirchen und zahlreichen Kapellen, betreut von zwei Priestern aus Indien. Hochzeiten, Taufen, Krankensalbungen folgen einem Aktionsplan, der im Wochen- und Monatstakt alle Pfarreien abzudecken versucht. Die Pfarrer früherer Generationen kannten die Familien; heute erleben viele medienaffine Priester, die in Film und Fernsehen mit kurzen, spektakulären Auftritten auffallen. Pastoral? Vielleicht ist sie in der Stadt leichter zu finden; dort kennen Priester die „indigene“ Kultur ihrer Gläubigen häufig besser.

Ist es die Chance der Krise, dass nun Ehrenamtliche seelsorglich begleiten dürfen — mit der nötigen Distanz und Verschwiegenheit wie früher Hauptamtliche? Als Theologin im pastoralen Dienst frage ich mich nach dem „Mehr“ eines mindestens zehnsemestrigen Studiums. In der allgemeinen Personalnot verschwimmt der Unterschied zwischen Stadt und Land, zwischen Hauptamt und Ehrenamt. Geblieben ist eine Verwaltung, deren Sprengel zeitgenössischen Menschen oft unbekannt sind. Und wer fündig wird, fragt sich: Wann ist das Pfarrbüro besetzt, um Taufzeugnis, Firmbestätigung oder einen Termin für ein Sakrament zu erbitten? Jeder Pfarrer ist Hausherr seiner Kirche. Für Sakramentalien einen „persönlich bekannten“ Priester anzufragen, zieht einen Rattenschwanz von Formalitäten nach sich — in Stadt und Land.

Dazu kommt die Anspruchshaltung der Anfragenden: eigene Liedauswahl, eigene Gottesdienstgestaltung. Missfällt dies dem Zelebranten, folgen schnell freie Trauung, Begräbnis ohne Priester oder Willkommensfeier statt Taufe. Schöne Feiern — gewiss. Aber muss die nüchterne Form unserer Sakramente „verramscht“ werden? Liegt es am Fehlen von Priestern — zölibatär, gebildet und kirchlich eingebunden —, fähig zu einem pastoralen Tun, das ohne Zeit, Empathie und Selbstreflexion nicht auskommt? Glaube kommt vom Hören. Was, wenn Gottes Wort nicht mehr erklingt und das Gebet der Gemeinde nicht mehr trägt? Was, wenn Unerreichbarkeit der Amtsträger und unübersichtliche Strukturen ein Zusammenkommen verhindern? Das ist kein Ausweis für eine Kirche, die am Leben der Menschen interessiert ist — oder hat man dieses Ziel längst aufgegeben?


Verfasst von:

Elfriede Schießleder

Mitglied des Präsidiums im Landeskomitee von 2009 bis 2025