Ausgabe: Januar-Februar 2026
Schwerpunkt - Vor OrtLabor auf Augenhöhe
Cityseelsorge neu denken
Seelsorge und Pastoral sind über lange Zeit geprägte Begriffe. Sie entstammen einem Bild von Kirche, das stark von Versorgung her bestimmt ist — klassische Territorialseelsorge ebenso wie bisherige Kategorialseelsorge.
Priester, Diakone und hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren in der klassischen Territorialseelsorge vor allem dazu da, Angebote zu entwickeln und umzusetzen — zwar mit Ehrenamtlichen, letztlich aber in Eigenverantwortung. Die Angebotsstruktur zeigt immer weniger Erfolg. Deshalb scheint es unabdingbar, Seelsorge und Pastoral weiter zu denken; unter Umständen braucht es neue Begriffe. Ähnlich wandeln sich die Bezeichnungen „Hauptberufliche“ und „Ehrenamtliche“. Auch ohne neue Terminologie versteht sich Cityseelsorge selbstkritisch als „Laboratorium“ dieser Herausforderung.
Haltungen statt Angebote
Kirchen prägen mit ihren Bauten die Stadttopographie; zugleich nimmt die gesellschaftliche Relevanz ab. Die Zeiten sind vorbei, in denen Kirchen als Institutionen unhinterfragt ihren Platz innehatten. Kirche sollte sich nicht in Wagenburgmentalität verschließen — Orte der Bestärkung bleiben wichtig. Die Überlieferungen des Ersten und Zweiten Testaments sowie die Haltung Jesu zeigen, dass Krisenzeiten Chancen für Neuaufbrüche und Läuterung sind. Verlust eröffnet Freiheitsräume, in denen das Gottgeheimnis neu erfahrbar wird. Einer pauschalen Verurteilung des Zeitgeistes widerspricht der Inkarnationsgedanke: Der Heilige Geist wirkt in der Welt. Aufgabe der Kirche ist es, seine Spuren zu entdecken und — wo angebracht — in Worte zu fassen. Überall, wohin kirchlich Engagierte kommen, ist Jesus bereits da. Ihre Aufgabe ist es, Gelegenheiten zu schaffen und Räume anzubieten, an denen in der Begegnung Resonanzen für das Unverfügbare entstehen können und — wie im Evangelium — Staunen möglich wird. Seelsorge vor Ort tritt daher nicht mit der Haltung auf, etwas bringen zu müssen. Die Haltung wird bescheidener. Kirche ist nicht Verwalterin der göttlichen Geheimnisse, sondern Ermöglicherin von Begegnung, Stifterin von Beziehungen und Helferin, Menschen in ihrer Freiheit zu bestärken. Dass sich diese Seelsorge nicht ohne Weiteres in Zahlen messen lässt und nicht automatisch zu mehr Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern führt, versteht sich.
Was das konkret heißt
- Kirche soll als Gesprächspartnerin auf Augenhöhe erfahrbar sein — Dialogbereitschaft und offene Kommunikation zeigen das.
- Cityseelsorge sucht den Kontakt zu möglichst unterschiedlichen Gruppierungen und Organisationen in der Stadt, um gemeinsame Ziele zu entwickeln.
- Ökumene und interreligiöser Dialog sind keine „Aufgaben unter vielen“, sondern Grundhaltung aller Engagierten in der Seelsorge.
- Christinnen und Christen aller Kirchen geben zusammen mit Angehörigen anderer Religionen und allen Menschen guten Willens Zeugnis für Hoffnung und Zuversicht.
- Christliches Handeln setzt Zeichen gegen jede Form von Ausgrenzung und Diskriminierung — innerhalb wie außerhalb kirchlicher Strukturen.
- In Zeiten wachsender Armut steht Kirche an der Seite derer, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Zugang zum gesellschaftlichen Leben haben.
- Innerkirchlich gilt es, Strukturen der Synodalität weiterzuentwickeln. Kirche der Zukunft wird mehr Möglichkeiten der Mit- und Selbstbestimmung schaffen.
Kirche — in Stadt wie Land — lebt von Menschen vor Ort, die überzeugt sind und überzeugend leben, damit Vertrauen immer neu wachsen kann.