Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Januar-Februar 2026

Katholisch in Bayern und der Welt

Pilgern im Winter

Franziska Leibe am Atlantik in Galicien — eine Wegmarke mit Jakobsmuschel weist die Richtung. Foto: Franziska Leibe

Einkehr jenseits der Saison — Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Mittlerweile sind die bekannten Pilgerwege in den wärmeren Jahreszeiten oft so überlaufen, dass innere Einkehr schwerfällt. Aber was, wenn man sich im Winter auf den Weg macht? Eine Pilgerin und ein Pilger erzählen.

Christian Bauer ist ein weitgewanderter Reisejournalist und Fotograf. Laut eigenen Angaben hat er als Pilger bereits 14 400 Kilometer auf 23 verschiedenen Jakobswegen über fünf Länder hinweg zurückgelegt. Reine Gehzeit: 84 Wochen. Er kennt die Pilgerwege sommers wie winters und ist mittlerweile überzeugt: Wirkliche Einkehr gelingt fast nur noch im Winter. „Vor allem im Sommer sind Tourigrinos, also Touristenpilger, mit so einer Touristenferienhaltung unterwegs. Das heißt, es muss bequem sein, das Gepäck wird transportiert, man schläft in privaten Unterkünften. Ich glaube, das ist dem Erleben abträglich.“

Die richtige Vorbereitung

Christian Bauer würde Pilgerinnen und Pilgern, die sich im Winter auf den Weg machen wollen, den Camino Francés in Spanien empfehlen, weil dort die klimatischen Bedingungen noch relativ angenehm sind und es auch im Winter eine gute Infrastruktur für Pilgerinnen und Pilger gibt. Wer beispielsweise in León oder Astorga beginnt, erreicht in zehn bis zwölf Wandertagen Santiago de Compostela. Allerdings sind im Vergleich zum Pilgern im Sommer einige Dinge zu beachten: Während man in der Hauptsaison, von Ostern bis Oktober, theoretisch ohne Planung loslaufen kann, weil es in jedem Dorf Herbergen und Bars gibt, schließen ab November die meisten privaten Herbergen, und es benötigt etwas mehr Planung, täglich eine Unterkunft zu finden. „Man findet auf jeden Fall noch genug Übernachtungsmöglichkeiten, weil die öffentlichen oder kirchlichen Herbergen in Spanien ganzjährig geöffnet haben, aber man muss die Etappen ein bisschen genauer planen, da ich nicht mehr automatisch in jedem Dorf übernachten kann und dann im Zweifelsfall auch eine längere Etappe laufen muss, bis ich zur nächsten Herberge komme. Dasselbe gilt für die Verpflegung.“

Reif im Morgenlicht auf dem Camino in Galicien — klare Wintertage belohnen mit weiter Sicht. Foto: Christian Bauer

Gegen Wind, Regen und Kälte gerüstet — Winterpilgern fordert, gute Ausrüstung trägt. Foto: Christian Bauer

Christian Bauer entgeht im Winter dem großen Andrang auf dem Jakobsweg und genießt das authentischere spanische Erlebnis außerhalb der großen Pilgerblase. „Man trifft sehr viel weniger andere Pilger. Und diejenigen, die man trifft, die waren eigentlich alle schon mehrmals auf dem Jakobsweg, ein ganz anderer Typ Pilger. Im Winter, würde ich sagen, ist es der einsame Wolf, der auch mit diesen unbequemeren Bedingungen, also kalte Herbergen und feuchte Klamotten umgehen kann – etwas kantigere Menschen eher in der zweiten Lebenshälfte.“

Um den etwas fordernderen Umweltbedingungen zu trotzen, braucht es im Winter auch einen etwas größeren Rucksack als im Sommer, weil das dickere Winterequipment etwas mehr Volumen hat. Für Christian Bauer sind neben gut eingelaufenen Wanderschuhen Thermounterwäsche, Regenjacke und -hose und vielleicht sogar ein Poncho unabdingbar. Außerdem empfiehlt er einen dickeren Schlafsack, weil Winterwandern nicht nur kaltes und regnerisches Wetter draußen bedeutet, sondern auch kalte, unbeheizte Herbergen und Schlafräume.

Vom Budget her macht es für ihn allerdings keinen Unterschied, ob man im Winter oder Sommer pilgert: „Herbergen kosten in Galicien etwa zehn Euro, private Unterkünfte circa fünfzehn Euro. Dazu kommt noch Essen. Also mit dreißig Euro am Tag kann man den Camino gehen, würde ich sagen. Und wenn ich fünfzig Euro am Tag habe, kann ich mir den zweiten Kaffee auch noch leisten.“

Bei Leuten, die zum ersten Mal auf dem Camino unterwegs sind, nimmt er oft viele Sorgen wahr: Finde ich ein Bett? Schaffe ich die Kilometer? Die sind bei ihm von der Gewissheit abgelöst worden, dass immer alles gut wird. Die Socken werden irgendwann trocknen, es wird wieder warm und man findet auf jeden Fall etwas zu essen und ein Bett. „Ich laufe, ich erlebe unangenehme Situationen, aber ich kann das alles aus mir selbst heraus überwinden, auch wenn die Strecke lang ist, mir was weh tut, ich schaffe es trotzdem! Das gibt ein ganz großes Vertrauen in einen selbst und ein großes Gefühl von Freiheit. Und wenn man dann noch das Gefühl hat, da draußen ist irgendwas, wie auch immer man das jetzt persönlich nennen mag, dann ist das doch genug, oder?“

Physisches und emotionales Gepäck

Auch Franziska Leibe ist mit vielen Ängsten und Sorgen zu ihrer ersten Pilgerreise aufgebrochen. Niemals hätte sie gedacht, dass ausgerechnet sie sich auf den neunhundert Kilometer langen Weg von Irun bis Finisterre machen würde. Dann spürte sie den Ruf, marschierte los — und machte eine lebensverändernde Erfahrung, die sie seitdem immer wieder zurück auf den Camino brachte.

Winterabend auf dem Camino in einer galicischen Kleinstadt — die leuchtende Jakobsmuschel spannt sich über die Gasse. Foto: Christian Bauer

Zum Thema „die richtigen Dinge einpacken“ hat sie eine ganz eigene Theorie: „Man bekommt ja überall Packlisten und da steht immer drauf, dass man ja nicht zu viel einpacken soll. Und dann gibt es trotzdem Menschen, die mehr einpacken. Und meine Theorie ist, dass die Dinge, die zu viel eingepackt sind, mit dem emotionalen Gepäck zu tun haben, das man mitnimmt und das einen beschwert, auch beschweren wird auf dem Weg.“ Damit möchte sie nicht sagen, dass das innere Gepäck auf dem Weg zwingend leichter wird, weil das auch wieder eine Erwartungshaltung ist. „Aber vielleicht darf man mit dem inneren Gepäck überhaupt erst mal wandern gehen und sagen, ich nehme mir jetzt Zeit dafür und ich schiebe es nicht weg. Und das Laufen macht ganz viel. Das hilft dabei, die Kraft zu haben, sich dem zu stellen. Der Weg sorgt für den Punkt, an dem du wachsen darfst, an dem du freier werden kannst, an dem dir aufgezeigt wird, wo du dir immer wieder Grenzen setzt.“

Das Ende des Jahres am Ende der Welt

Nach einer Trennung im Jahr 2018 war der Pilgerweg dann auch der Ort, an dem Franziska Leibe die Zeit zwischen den Jahren verbringen wollte. Mit großer Erwartungshaltung und Vorfreude machte sie sich erneut auf den Weg nach Finisterre — und war am Ende völlig enttäuscht: „Pilgern habe ich seit meiner ersten Reise damit verbunden, mich selbst zu finden, Gott zu finden, meinen inneren Heimatort zu finden. Das war schon sehr überhöht. Und diese Erwartungen sind dann wie Scheuklappen und verstellen den Blick für das offene Suchen: Was ist jetzt das, was ich lernen und akzeptieren darf, hier und jetzt?“ Durch die unerfüllte Suche nach den aufrichtigen Herz-zu-Herz-Gesprächen, die für sie das bisherige Pilgern so magisch gemacht hatten, war der ausgestorbene Weg im Winter zunächst enttäuschend, auch und besonders an Weihnachten, als sie das Eingebettetsein in die eigene Familie extrem vermisste. „Das war das, was ich brauchte, und das ist erst mal total mit meinen Erwartungen kollidiert, hat mich aber sofort in die Selbstverantwortung geführt und das ist Pilgern eben auch! Ich habe Verbindungen mit anderen Pilgern gesucht, wo ich sie eigentlich ja in mir finden darf.“

Aber Weihnachten auf dem Camino zu feiern, kann natürlich auch eine ganz positive Erfahrung sein. Christian Bauer erinnert sich daran, einmal an Heiligabend ganz allein mit einem anderen Pilger in einer Herberge gewesen zu sein. „Es gab in diesem Örtchen nichts zu essen und dann jeder hat aus seinem Rucksack geholt, was er noch hatte. Ich hatte noch ein paar Kekse und eine große Dose Sardinen und er hatte noch ein bisschen Wurst und dann haben wir unser Weihnachtsessen gemacht, einfach mit dem, was wir im Rucksack hatten. Und dann sitzt du da mit einem fremden Menschen und teilst das Essen. Das ist pures Christentum eigentlich. Und ein wunderbares Heiligabendgeschenk, würde ich meinen, oder?“

Silvester feierte Franziska Leibe in Finisterre — dem Ende der Welt — und fühlte sich doch plötzlich angekommen. „Wir saßen dann alle oben an diesem Berg, auf dem der Leuchtturm steht. Man guckt aufs Meer und die Sonne geht unter und wir haben das Jahr nochmal Revue passieren lassen, alles Negative auf Zettel geschrieben und ins Feuer geworfen. Das war richtig cool.“

 


Verfasst von:

Sarah Weiß

Freie Autorin