Ausgabe: Januar-Februar 2026
SchwerpunktSehnsuchtsort Land – Mythos oder Lebensform?
Der ländliche Raum ist zurück in der öffentlichen Debatte. Stadtmüde Familien suchen ein Haus mit Garten, Start-ups entdecken die Provinz und Tourismuskampagnen werben mit entschleunigtem Leben, Gemeinschaft und Natur. „Das Land“ wird wieder als Sehnsuchtsort wahrgenommen – als Gegenentwurf zur urbanen Dichte, zur Beschleunigung und Entfremdung. Doch hinter der Idylle steckt ein komplexes Bild.
Wer Landentwicklung gestaltet, weiß: Der ländliche Raum ist kein Museum der Vergangenheit, sondern ein Zukunftslabor – und zugleich ein Ort harter Auseinandersetzungen um Fläche, Engagement, Zusammenhalt und Identität.
Zwischen Idylle und Realität
Bayern ist ein Land der Dörfer. Etwa 85 Prozent der Fläche gelten als ländlich geprägt, mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt dort. Doch die Herausforderungen wachsen: Die Flächenkonkurrenz zwischen Wohnen, Gewerbe, Landwirtschaft, Energie und Naturschutz wird schärfer. Wohnraum ist selbst in ländlichen Regionen knapp geworden, während zugleich Gebäude im Ortskern leer stehen. Junge Familien finden keinen Platz, weil Bauland fehlt oder zu teuer ist. Gleichzeitig drohen wertvolle Böden und gewachsene Dorfstrukturen durch Zersiedelung und überdimensionierte Baugebiete verloren zu gehen.
Der Freistaat reagiert darauf mit der Ländlichen Entwicklung: Ziel ist, die Dörfer von innen heraus zu stärken – mit Dorferneuerung, Gemeindeentwicklung und Integrierter Ländlicher Entwicklung (ILE). Diese Instrumente sollen nicht nur Räume gestalten, sondern vor allem Gemeinschaft stiften. Denn die Zukunft des Landes entscheidet sich dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen.
Kirche als Raumöffnerin und Wegbegleiterin
Die katholische Kirche ist seit Jahrhunderten Teil der dörflichen Identität. Glocken, Feste, Kirchenbauten – all das prägt das Gesicht der Orte. Doch viele Pfarrgemeinden erleben einen tiefgreifenden Wandel: sinkende Mitgliederzahlen, wachsende Seelsorgeeinheiten, knapper werdende Mittel. Was bleibt, ist die Frage: Wie kann Kirche im Dorf relevant bleiben?
Ein Schlüssel liegt im Raum. In Bayern stehen hunderte Pfarrhäuser, Pfarrheime und kirchliche Liegenschaften leer oder werden nur noch selten genutzt. Diese Gebäude bergen Potenzial – für Kultur, Soziales, Bildung, Gemeinschaft. Wenn Kirche Räume öffnet und sie gemeinsam mit Kommune und Bürgerschaft neu nutzt, wird sie zur Akteurin der Landentwicklung.
Verantwortung für das Gemeinsame
Eine der großen Zukunftsfragen für die Landentwicklung lautet: Wie nutzen wir die begrenzte Fläche verantwortungsvoll? Bayern verliert jeden Tag rund zehn Hektar an Naturboden durch Bebauung. Die Ländliche Entwicklung verfolgt daher konsequent das Prinzip „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“. Ziel ist, Leerstände zu aktivieren, Ortskerne zu beleben und Flächenverbrauch zu reduzieren.
Auch die Kirche steht hier in der Verantwortung. Sie ist eine der größten Grundeigentümerinnen im Land – und kann mit ihrer Flächenpolitik Vorbild sein. Wenn kirchliche Grundstücke nicht als reine Vermögenswerte, sondern als Gemeingut verstanden werden, entstehen neue Chancen: etwa für sozialen Wohnungsbau, gemeinschaftliche Nutzungen oder Projekte des Klimaschutzes. Schon heute stellen einige Bistümer Flächen für Photovoltaik, Nahwärmenetze oder ökologisches Gärtnern zur Verfügung. Das ist gelebte Nachhaltigkeit – und Ausdruck einer Schöpfungsverantwortung, die sich nicht nur in Worten zeigt.
Der Wandel der Dorfmitte
Viele Dörfer kämpfen mit leeren Wirtshäusern, geschlossenen Läden und verwaisten Treffpunkten. Doch wo früher Begegnung stattfand, kann Neues entstehen. Die Ländliche Entwicklung fördert gezielt Dorfgemeinschaftshäuser, Dorfläden oder generationenübergreifende Zentren. Diese Orte werden zum Herzstück des Dorfes – Orte, an denen man einkauft, sich trifft, feiert, redet.
Oft sind kirchliche Einrichtungen Teil solcher Konzepte. Ein leerstehendes Pfarrheim kann ebenso zum Dorftreff werden wie ein ehemaliger Pfarrgarten zum Gemeinschaftsgarten. Die Verbindung von praktischer Dorferneuerung und pastoraler Verantwortung öffnet neue Wege: Kirche als Ermöglicherin von Gemeinschaft. Sie kann Begegnungsräume schaffen, die über das rein Kirchliche hinausgehen.
Ohne Ehrenamt gibt es keine keine Dorfentwicklung. Doch viele Dorfgemeinschaften erleben, dass die Bereitschaft zum Mitmachen sinkt, während die Anforderungen steigen. Ehrenamtliche brauchen Anerkennung, Begleitung und Entlastung. Hier können Kirche, Kommune und Land gemeinsam Verantwortung übernehmen. In vielen Dörfern und Regionen sind Beschäftigte der Verwaltung für Ländliche Entwicklung tätig, die Projekte begleiten, Freiwillige vernetzen und Prozesse moderieren.
Auch Beschäftigte der Kirche übernehmen zunehmend ähnliche Rollen: Sie moderieren, verknüpfen, begleiten. Kirche und Staat treffen sich hier auf derselben Ebene – im Dienst an der Gemeinschaft. Dieses Zusammenspiel ist entscheidend, wenn das Ehrenamt Zukunft haben soll.
Klimaschutz und Lebensqualität
Die Energiewende verändert den ländlichen Raum massiv. Windräder, Solarfelder, Stromtrassen – all das erzeugt Konflikte, aber auch Chancen. Landentwicklungspolitik versteht sich dabei als Vermittlerin zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit, ökologischer Verantwortung und sozialem Frieden. Entscheidend ist, dass die Menschen vor Ort mitgenommen werden – dass sie an Planung, Wertschöpfung und Nutzen beteiligt sind. Aus den Betroffenen sollen Beteiligte werden!
Auch die Kirche kann einen Beitrag leisten. Viele Pfarreien denken heute über eigene PV-Anlagen, Heizungsumstellungen oder regionale Energiegemeinschaften nach. Wenn kirchliche Gebäude Teil der Energiewende werden, verbinden sie Glauben mit konkretem Handeln für die Schöpfung. Das stärkt ihre Glaubwürdigkeit – und zeigt, dass Bewusstsein für Klimaschutz und Spiritualität kein Gegensatz sind.
Vom Nebeneinander zum Miteinander
Die Zukunft des ländlichen Raums entscheidet sich im Zusammenspiel – zwischen Kommunen, Bürgergesellschaft, Landwirtschaft, Wirtschaft und Kirche. Alle Akteure müssen lernen, noch stärker zusammenzuwirken. Gerade in Krisenzeiten – ob Pandemie, Klimakrise oder Strukturwandel – zeigt sich, wie wichtig funktionierende lokale Netzwerke sind.
Die Verwaltung für Ländliche Entwicklung bietet hier stabile Brücken: Sie fördert Kooperationen, vernetzt Akteure und begleitet Prozesse. Denn Landentwicklung ist keine Einbahnstraße staatlicher Förderung, sondern ein partnerschaftliches Gestalten. Die Kirche ist dabei ein wichtiger Partner – nicht nur als moralische Stimme, sondern als institutionelle Kraft mit tiefen Wurzeln im Gemeinwesen.
Hoffnung aus Verantwortung
Die Sehnsucht nach dem Land ist real. Doch der ländliche Raum darf nicht nur Projektionsfläche sein für romantische Träume oder städtische Aussteigerfantasien. Er ist Lebensraum – mit allen Spannungen, Widersprüchen und Gestaltungsmöglichkeiten.
Wenn Kirche und Staat, Ehrenamt und Bürgerschaft, Kommune und Wirtschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen, kann der ländliche Raum zu einem echten Zukunftsort werden. Nicht durch Rückzug in Traditionen, sondern durch mutige Weiterentwicklung. Der „Sehnsuchtsort Land“ bleibt dann kein Mythos, sondern wird zu einer gelebten Lebensform – getragen von Menschen, die an ihr Dorf glauben, an Gemeinschaft und an eine Kirche, die sich dieser Aufgabe stellt.
Verfasst von:
Herbert Daschiel
Referatsleiter im Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus