Ausgabe: Januar-Februar 2026
SchwerpunktZwischen Skyline und Dorfplatz
Generation Krise?
Während Jugendliche in Städten von kulturellen Angeboten profitieren, beklagen junge Leute auf dem Land fehlende Angebote und Mobilität. Für viele bleibt die Kirche der letzte Zufluchtsort.
Irgendwo auf dem Land in Bayern treffen sich Jugendliche und diskutieren, wie es mit ihrem Jugendtreff weitergeht. Sie wollen weiterhin einen Treffpunkt, an dem sie laut und unter sich sein können. Doch der Jugendtreff ist in die Jahre gekommen. Bei der Sitzung geht es deshalb vor allem um Geld. Wie sie die Sanierung bezahlen sollen, wissen die Jugendlichen nicht. Vor zwei Monaten hatte die Gemeinde ihnen eine Absage erteilt: die Gemeindekasse sei leer, andere Projekte dringender.
So wie in dieser Szene geht es jungen Menschen an vielen Orten. Sie wollen gestalten, stoßen aber auf Strukturen, die ihnen wenig Raum lassen. Sie wollen Verantwortung übernehmen, haben jedoch das Gefühl, dass sie nicht beteiligt werden. Das Problem: Wenn solche Treffpunkte verschwinden, sehen Sozialforscherinnen und Sozialforscher Gefahren, die weitaus größer sind, als jugendliche Langeweile. Die einen sagen, die Demokratie sei bedroht. Die anderen warnen, dass junge Menschen die Bindung an ihre Heimatkommune verlieren könnten.
Beinahe alle zuletzt erschienenen Studien beschäftigten sich mit dem Verhältnis junger Menschen zur Demokratie. Sie kommen zu ähnlichen Ergebnissen: „Die Jugend“ gibt es nicht. Junge Menschen wachsen in sehr unterschiedlichen Lebenswelten auf: In der Stadt, auf dem Land, in verschiedenen Lebensverhältnissen. Fast die Hälfte aller jungen Menschen in Deutschland wünscht sich eine bessere, lebendigere Demokratie. Sie sehen sich oft in einer „Zuschauerrolle“, über deren Köpfe hinweg entschieden würde – und das in turbulenten Zeiten. Klimakrise, Krieg und Kostensteigerungen. Von einer „Generation Krise“ ist die Rede. Diese Unsicherheiten belasten junge Menschen und machen ihnen Angst.
Gerade das nutzen extremistische Parteien: Sie greifen die Sorgen und Themen junger Menschen auf, nutzen gezielt digitale Medien, bieten vermeintlich einfache Lösungen und schaffen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Orientierung. Die Bertelsmann-Stiftung verweist darauf, dass Einsamkeit und fehlende Einbindung junger Menschen die Demokratie gefährden könnten. Denn wenn junge Menschen das Gefühl haben, ihre Anliegen finden kein Gehör, wächst Misstrauen – gegenüber Politik, Institutionen und Gesellschaft.
Expertinnen und Experten in eigener Sache
Vertrauen ist das beste Gegenmittel. Junge Menschen wollen Selbstwirksamkeit erfahren und gestalten. Es braucht wirksame, niedrigschwellige Formen, die sie beteiligen. Denn klar ist: Junge Menschen wissen selbst am besten, was sie benötigen. Wenn sie ernst genommen werden, entwickeln sie Vertrauen in politische Prozesse und übernehmen Verantwortung für die Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, dass sie spüren und konkret erleben, dass ihre Meinungen zählen und sie sich selbst einbringen können.
Die angespannte Finanzlage vieler Kommunen erschwert es, jungen Menschen Räume für Selbstfindung und Selbstverwirklichung zu bieten. Es mangelt an kommerziell freien Treffpunkten, Mobilität und kultureller Teilhabe. Sozialforscherinnen und Sozialforscher nennen das eine „raumbezogene soziale Ungleichheit“. Was hochtragend klingt, lässt sich knapp zusammenfassen: Jugendliche in ländlichen Regionen haben das Gefühl, dass vor allem in die städtische Infrastruktur investiert wird. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen von einem „Gefühl der Nichtrepräsentation“.
In Bayern sind die Unterschiede besonders deutlich. Während Ballungsräume wie München und Nürnberg von wirtschaftlicher Dynamik profitieren, erleben Teile der Oberpfalz, Niederbayerns oder Oberfrankens strukturelle Stagnation. Jugendliche dort haben weniger Zugang zu Mobilität und damit zu kultureller Teilhabe und Freizeitangeboten.
In den Städten sieht es anders aus: Junge Menschen profitieren hier von vielen Angeboten, kultureller Vielfalt und größeren individuellen Freiheiten. Gleichzeitig zersplittert die Gesellschaft zunehmend in Milieus, die kaum noch Berührungspunkte haben. Das führt zu Leistungsdruck, Konkurrenz und sozialer Unsicherheit. In der städtischen Jugendarbeit reagieren offene Jugendzentren, Streetwork und die Kirche auf diese heterogenen Lebensstile und Milieus. Sie richten sich zunehmend projektorientiert und thematisch vielfältig aus, etwa in den Bereichen Klimaschutz, Digitalisierung oder Diversität. Gleichzeitig wird die Jugendarbeit zu einem Labor sozialer Gemeinschaft: Sie schafft Verbindung, wo traditionelle Bindungen schwächer werden.
Nur noch die Kirche
Auch auf dem Land brauchen junge Menschen stabile Strukturen und geschützte Räume, in denen sie sich entfalten und geborgen fühlen können. Doch demografischer Wandel, Schulschließungen und Zentralisierung zwingen Jugendliche zu längeren Wegen – räumlich wie sozial. Viele erleben ihre Heimat als Ort der Geborgenheit und Begrenzung. Jugendarbeit ist hier meist ehrenamtlich organisiert und eng mit Kommunen und Kirchengemeinden vernetzt. Sie lebt von persönlicher Beziehung und Verlässlichkeit – Faktoren, die entscheidend für soziale Teilhabe und Bleibeperspektiven sind.
Neben der Familie bieten Vereine wie Feuerwehr, Theatergruppe oder Sportverein verlässliche Orte der Gemeinschaft und Sicherheit. Auch die Kirche ist ein zentrales Refugium: Sie ist ein Ort, an dem sich junge Menschen in der offenen Debatte selbst finden können. Umso wichtiger ist es, dass sich die Kirche als Erfahrungs- und Gemeinschaftsraum für junge Menschen versteht. Das beginnt im Kleinen: Wenn Jugendliche Räume eigenständig gestalten dürfen, wenn Pfarrheime für offene Abende, Gruppenstunden, Bandproben genutzt werden, wenn Pfarrer Zeit haben, einfach da zu sein und zuzuhören. Kirche - und damit communio - wird dort lebendig, wo sie Verantwortung an die Jugend überträgt: bei Jugendgottesdiensten, bei Sozialaktionen oder Aktionen für Klimaschutz und Gerechtigkeit. Wenn junge Menschen erleben, dass ihre Ideen umgesetzt werden und sie etwas bewegen können, entsteht Vertrauen und eine dauerhafte Bindung.
Pastoraltheologisch gewinnt der Begriff der Resonanz an Bedeutung: Kirche bleibt dort relevant, wo sie jungen Menschen Beziehungserfahrungen ermöglicht. Räume, in denen sie sich gehört und bedeutsam fühlen. Jugendarbeit kann zu einem solchen Resonanzraum werden – ein Ort, an dem junge Menschen Zukunft gestalten: unter der Skyline der Stadt ebenso wie auf dem Dorfplatz.