Ausgabe: März-April 2026
75 Jahre LandeskomiteeDie Gottesfrage offenhalten, Missstände beheben
Säkularisierung als Megatrend
Die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt eine deutliche Abnahme der religiösen Bindung in Deutschland. Was bedeutet das für Kirche und Gesellschaft?
Die 6. Welle der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU), mit der die Evangelische Kirche in Deutschland seit 1972 regelmäßig alle zehn Jahre die Einstellungen zu Religion und Kirche in Deutschland erhebt und an der sich aktuell auch die katholische Kirche beteiligte, hat es deutlich gemacht: Nicht nur die Bindung an die beiden großen christlichen Kirchen nimmt kontinuierlich ab, auch Religiosität als solche geht in der deutschen Bevölkerung zurück.
Wir müssen feststellen, dass wir uns in einer mehrheitlich säkular geprägten Gesellschaft befinden. Dies gilt zum einen hinsichtlich der Kirchenmitgliedschaft – mittlerweile ist der Bevölkerungsanteil der christlichen Kirchen (inklusive der kleineren christlichen Gemeinschaften wie der Freikirchen oder der orthodoxen Kirchen) auf unter 50 Prozent gesunken. Ende 2024 gab es erstmals mehr Menschen ohne Konfessionszugehörigkeit (47 Prozent) als katholische und evangelische Kirchenmitglieder zusammen (45 Prozent). Voraussichtlich 2027 werden die Konfessionslosen mit mehr als 50 Prozent auch die absolute Bevölkerungsmehrheit stellen.
Die säkulare Prägung gilt zum anderen und sogar noch stärker hinsichtlich der Einstellungen zu Religiosität: Nach der in der 6. KMU entwickelten Typologie der religiös-säkularen Orientierung sind nur 13 Prozent der Bevölkerung kirchlich-religiös, weitere 25 Prozent distanziert-religiös sowie 6 Prozent alternativ-religiös, während 56 Prozent und damit die deutliche Mehrheit säkular orientiert ist. Für sie spielt nach eigener Angabe Religion in ihrem Leben keine Rolle. Zwei Drittel der Säkularen sind konfessionslos; diesem Typus gehören also durchaus auch Kirchenmitglieder an: 35 Prozent der katholischen und 39 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder gehören zu den Säkularen.
Säkularisierung und ihre Ursachen
Was bedeuten diese trockenen Zahlen? In der Religionssoziologie werden diese Befunde (und viele weitere, die in eine ähnliche Richtung zeigen) unter dem Stichwort der Säkularisierung durchaus umstritten diskutiert. Die in den 1960er und 1970er Jahren vertretene „klassische“ Säkularisierungsthese behauptete eine automatische und lineare Abnahme von Religion in modernen Gesellschaften: Je moderner eine Gesellschaft, desto weniger religiös ist sie. Diese wurde abgelöst durch die Individualisierungsthese, die von einer Privatisierung der Religion ausgeht. Danach verschwindet Religion nicht einfach, wandert aber aus den traditionellen Institutionen aus und wird jeweils individuell bestimmt – jeder hat seine eigene Religion. In einem erweiterten Verständnis kann Religion dann alles sein, das Sinn oder Spiritualität erfahren lässt. So besteht jedoch die Gefahr, dass das wesentliche Element des Christentums und der anderen großen monotheistischen Religionen verlorengeht: die Verbindung mit Gott bzw. einer Sphäre der Transzendenz, also einer Ebene, die jenseits von Erfahrung und empirischer Wirklichkeit liegt.
In den letzten zehn Jahren steigt in der Religionssoziologie das Bewusstsein dafür, dass Religion im Sinne der großen monotheistischen Religionen tatsächlich einen kontinuierlichen Relevanzverlust erlebt. Der Schweizer Religionssoziologe Jörg Stolz und Kollegen haben auf der Grundlage weltweiter empirischer Daten ein Modell des Rückgangs von Religion vorgelegt. Danach nimmt – ab einer bestimmten Modernisierungsschwelle – zuerst die Teilnahme an religiösen Ritualen ab, danach die individuelle Bedeutung der Religion, und in einem dritten Schritt die Bindung an eine Religionsgemeinschaft – man tritt aus der Kirche aus. Diese religiösen Erosionsprozesse finden weniger auf der individuellen Ebene statt (in dem Sinne, dass das Individuum sich im Laufe seines Lebens immer mehr von Religion abwendet), sondern als so genannte Kohorten-Säkularisierung: Tendenziell gehen religiöse Partizipation und Bindung in der Generationenfolge zurück, insofern die jeweils jüngste Kohorte in ihrer Sozialisation weniger religiös geprägt wird als die vorherige. Insgesamt kann Säkularisierung also als ein Megatrend verstanden werden, d. h. dass Religion und Kirche faktisch in modernen Gesellschaften an Bedeutung verlieren (ohne ganz zu verschwinden); es ist aber kein Universaltrend: Es gibt durchaus auch Gegentrends, jedoch sind diese sekundär und quantitativ weniger bedeutend, so dass sie den Megatrend der Säkularisierung in seiner Gesamtheit nicht aufhalten.
Konsequenzen für Kirche und Gesellschaft
Was folgt kirchlicherseits aus dieser Analyse? Es hat den Eindruck, als hätten die Kirchen die zur Verfügung stehenden Zahlen lange Zeit gar nicht richtig wahrgenommen, sondern irgendwie ignoriert oder verdrängt. Spätestens die Ergebnisse der 6. KMU waren für viele kirchlich Engagierte ein „Realitätsschock“, der heilsam gegen das Relativieren und Verdrängen der kirchlichen Realität wirkt. Man kann sich nun nicht mehr damit beruhigen, dass – so die religiöse Individualisierungsthese – der Mensch doch „unheilbar“ religiös sei und durch verbesserte und passgenauere pastorale Angebote wieder den Weg zur Kirche zurückfinden wird. Die Ergebnisse der 6. KMU lassen berechtigte Zweifel daran aufkommen, ob Religion tatsächlich eine anthropologische Konstante sei, also wesentlich zum Menschsein dazugehört. Vielmehr liegt es nahe, dass Religion als kulturelles Phänomen zu verstehen ist, dessen Ausprägung stark durch den gesellschaftlichen Kontext bestimmt wird und das somit zu Zeiten stärker expandieren und zu anderen Zeiten stärker schrumpfen kann. Es gibt jedenfalls offensichtlich auch den „homo areligiosus“ (Eberhard Tiefensee), der ohne Bezüge zu Religion lebt.
Die zumindest implizite Annahme, dass der Mensch von Natur aus religiös sei, war allerdings auch lange Zeit Grundlage des kirchlichen Geschäftsmodells: Wenn man von einer konstanten Nachfrage in Sachen Religion ausgehen kann, dann muss man die kirchlichen Angebote so optimieren, dass sie auf Anklang stoßen. Die empirischen Daten sprechen jedoch eine andere Sprache: Eine noch so gute Qualität muss nicht automatisch auch zu nachhaltigem Erfolg führen, denn für viele Menschen ist das Thema Religion schlicht irrelevant. Das Problem liegt nicht (nur) im nicht optimalen Angebot, sondern (auch) in der mangelnden Nachfrage.
Die Zukunft der Kirche in einer säkularen Welt
Für alle, die sich – hauptberuflich oder freiwillig engagiert – in und für die Kirche einsetzen, heißt dies zweierlei: Zum einen hat die These von der Säkularisierung eine entlastende Botschaft: Die kirchlichen Erosionsprozesse liegen nicht einfach in den mangelnden Fähigkeiten oder der mangelnden Anstrengung der Engagierten begründet. Im Gegenteil zeigt die 6. KMU, dass vor Ort eine Menge an effektvoller Arbeit geleistet wird, die von den Menschen anerkannt und wertgeschätzt wird. Eine immer größer werdende Zahl von Menschen hat aber schlicht und einfach kein Interesse am Thema Religion.
Zum anderen bedeutet dies nicht, dass man jetzt einfach die Hände in den Schoß legen sollte. Weiterhin bleibt es notwendig, die kirchliche Arbeit so gut wie möglich zu leisten und Missstände zu beheben – das sind wir den Menschen schuldig! Dies muss jedoch in dem Bewusstsein geschehen, dass diese (notwendigen!) Anstrengungen nicht ausreichen werden, den Trend der Säkularisierung zu stoppen oder gar umzukehren.
Es bleibt festzuhalten: Das Christentum ist bei uns auf dem Weg in eine Minderheitenposition. Dies gilt es, ehrlich wahrzunehmen. Die uns bleibende Option sollte der Sauerteig (und nicht die Sekte) sein: mitarbeiten an der Gemeinwohlorientierung und gleichzeitig die Gottesfrage offenhalten.
Informationen zur 6. KMU finden Sie hier.
Weiterführende Literatur:
- Tobias Kläden, Gleichzeitig Ernüchterung und Ermutigung. Die wichtigsten Ergebnisse der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, in: Herder Korrespondenz 77 (12/2023), 13–16.
- Jan Loffeld, Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt. Das Christentum vor der religiösen Indifferenz, Freiburg/Br. 2024.
- Tobias Kläden/Jan Loffeld (Hg.), Christsein in der Minderheit. Debatten zur 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (Quaestiones Disputatae 343), Freiburg/Br. 2025.
Verfasst von:
Tobias Kläden
Referent (sowie stellvertretender Leiter) bei der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) in Erfurt.