Ausgabe: März-April 2026
MeditationEinübung in die Dankbarkeit
Wenn ich als Kind ein Geschenk von meinen Großeltern bekam, sagte mir meine Mutter: „Du musst dich bei ihnen dafür bedanken, dann freuen sie sich“. Und so nahm ich eines meiner schönsten Briefpapiere, die damals so nette Muster hatten, und schrieb und verzierte den Brief. Ich habe dieses sich „bedanken müssen“ nicht als unangenehm empfunden oder moralisch. Heute würde ich sagen, es hat mir geholfen, zu verstehen, dass im Leben nicht alles selbstverständlich ist. Oder, dass ich schon gar nicht ein „Recht“ auf etwas habe.
Dabei mache ich einen Unterschied, ob ich mich über etwas freue, was mir gelungen ist, oder über etwas, was ich unerwartet bekommen habe, wofür ich meist gar nichts oder nur wenig beitragen konnte.
So gehört es für mich zu runden Geburtstagen oder Jubiläen dazu, Rückblick zu halten: zurückzuschauen auf das Erlebte. Einen solchen Rückblick beginne ich mit einem Gebet. Ich bitte Gott, dass er meine Augen und mein Herz öffnet für alles Schöne.
Für den Hl. Ignatius von Loyola ist der Tagesrückblick eine Zeit, um mit Dankbarkeit auf einen Tag zurückzuschauen. Das braucht auch Einübung. Denn zu schnell bleibe ich bei einem Tag an dem hängen, was nervig war, was nicht gepasst hat, die schlechte Laune der Mitarbeitenden, die auch meine Laune beeinflussten etc. Und wenn ich mir dann am Abend ganz bewusst die Frage stelle, wofür ich auch dankbar sein kann, dann kommen mir ganz erstaunliche Situationen in den Sinn: Der Busfahrer, der mich kommen sah und mir noch mal die Tür öffnete, oder ich erinnere mich, dass ich auf meinem Weg zur Arbeit gestaunt habe, wie viel Kraft die Natur im Frühling hat.
Auch beim Arbeiten in Gremien und Sitzungen kann es eine Hilfe sein, zunächst mit einem Rückblick zu beginnen, der einlädt, auf das Schöne zu schauen. Was ist uns gelungen? Was wurde uns alles geschenkt?
Manchen Menschen fällt es leichter, dankbar zu sein, und anderen weniger. Doch alle brauchen ein „Sich darin einüben“. Und es gibt Orte, die uns helfen können, schneller Dankbarkeit in uns zu spüren. Für mich ist es ein Spaziergang in der Natur, wo gerade alles aufblüht.
Verfasst von:
Sr. Stefanie Strobel sa
Geistliche Direktorin am Institut für publizistische Ausbildung (ifp) in München