Ausgabe: März-April 2026
75 Jahre LandeskomiteeGemeinsam unterwegs
Das Landeskomitee steht in engem Austausch mit einer Vielzahl von Organisationen aus dem kirchlichen und nicht-kirchlichen Bereich, mit Gewerkschaften sowie mit Akteuren aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Hier gratulieren einige Kooperationspartner zum 75-jährigen Jubiläum.
Glaube, Würde und Solidarität in säkularer Zeit
Christsein in der Arbeitswelt von heute
Von Bernhard Stiedl, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Bayern
75 Jahre Landeskomitee der Katholiken in Bayern – das bedeutet 75 Jahre engagiertes Christsein in einer sich rasant wandelnden Gesellschaft. Auch aus gewerkschaftlicher Sicht ist dies ein Anlass, dankbar zurückzublicken – und zugleich zu fragen, was Christsein heute in einer säkularen Welt heißt, insbesondere in der Arbeitswelt.
Die Herausforderungen haben sich verändert: Digitalisierung, Globalisierung, prekäre Beschäftigung, Klimakrise, demografischer Wandel. Doch die Grundfrage bleibt: Wie kann der Mensch in der Arbeit seine Würde bewahren? Für Christinnen und Christen in Gewerkschaften ist das keine abstrakte Frage, sondern täglicher Auftrag. Die katholische Soziallehre – mit ihrem Dreiklang aus Personalität, Solidarität und Subsidiarität – bleibt dabei Kompass und Kraftquelle. Sie erinnert uns daran, dass wirtschaftliches Handeln immer dem Menschen dienen muss, nicht umgekehrt.
In einer zunehmend säkularen Gesellschaft, in der ökonomische Nützlichkeit oft das letzte Wort zu haben scheint, ist es umso wichtiger, dass Christinnen und Christen ihre Stimme erheben – für Gerechtigkeit, Teilhabe und faire Arbeitsbedingungen. Gewerkschaftliches Engagement wird so zu einem konkreten Ausdruck von Nächstenliebe. Es geht nicht nur um Tarifverträge, sondern um das große Versprechen des Johannesevangeliums: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“.
Das Landeskomitee war und ist ein wichtiger Ort, an dem Kirche und Gesellschaft, Glauben und Alltag, Spiritualität und Politik miteinander ins Gespräch kommen. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist dieser Dialog unverzichtbar. Denn Christsein in der säkularen Welt bedeutet nicht Rückzug, sondern Einmischung – mutig, solidarisch, realistisch.
75 Jahre nach seiner Gründung ist das Landeskomitee ein Symbol für diese Haltung: verwurzelt im Glauben, offen für die Welt, sensibel für soziale Fragen. Es steht für ein Christsein, das sich nicht in Sakristeien erschöpft, sondern auf Werkbänken, in Büros, Pflegeheimen und Klassenzimmern Gestalt annimmt.
Wenn Kirche und Gewerkschaften gemeinsam für die Würde des Menschen eintreten, wird der Glaube sichtbar – mitten in der säkularen Welt. Das ist die bleibende Aufgabe auch für die nächsten 75 Jahre.
Zur Unverzichtbarkeit des Landeskomitees in stürmischen Zeiten
Sturmwarner, Anwälte, Netzwerker
Von Philipp Hildmann, Geschäftsführer des Bayerischen Bündnisses für Toleranz
Begibt man sich an stürmischen Tagen an einen der größeren bayerischen Seen, nimmt man sie sofort wahr: die Sturmwarnmasten mit ihren blinkenden Signalen. Sie vermitteln klare Botschaften auch bei unklarer Sicht. Sie warnen, wenn Gefahr droht. Sie entwarnen, wenn Gefahren vorübergezogen sind. Sie halten sich im Hintergrund bereit, bis ihre Dienste angesichts der Großwetterlage erneut gefordert sind. Und auch bei schönem Wetter und ruhiger See sind sie immer da. Dem müßig umherschweifenden Auge eine stille Beruhigung, dass da jemand wachsam ist und zuverlässig vor herannahenden Stürmen warnen würde, auch wenn diese ihre Kräfte noch jenseits der Berge, am Isarhochufer oder an der fernen Spree sammeln.
Zurückblickend auf die eigene berufliche Wegstrecke, begegnete mir das Landeskomitee der Katholiken in Bayern immer wieder als ein solcher Sturmwarnmast. Schon früh in den Debatten um Stammzellforschung oder Sterbehilfe in den Nullerjahren. Später kamen die stets fundierten Stellungnahmen hinzu zum Umgang mit Veränderungen unserer Arbeitswelt, unserer Familienbilder, unserer Stadtbilder im Stresstest der Moderne. Unser gemeinsames Ringen um den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit den Themen Migration und Asyl, Inklusion und Bildung, Klimaschutz, Missbrauch, Sonntagsruhe oder pandemische Unruhe – es wäre deutlich ärmer, einseitiger und weniger menschenfreundlich ausgefallen, wenn wir sie nicht gehabt hätten: die Sturmwarner des Laienapostolats, die Anwälte des christlichen Menschenbilds, die Netzwerker des Evangeliums.
Das gilt umso mehr im Angesicht der Herausforderungen unserer unmittelbaren Gegenwart. Für uns als größtes bayerisches Netzwerk gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus konzentrieren sich diese insbesondere in den Fragen, wie wir unsere Demokratie resilient machen können gegen extremistische Angriffe jeglicher Couleur, wie wir die Würde des Menschen bewahren können in Zeiten heraufziehenden digitalen und analogen Hasses, wie wir gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder festigen können, wenn die Fundamente, auf denen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung einst errichtet wurde, in atemraubender Geschwindigkeit erodieren.
In diesen stürmischen Zeiten ist der in seiner Art einzigartige Sturmwarnmast des Landeskomitees nicht nur für uns als langjährige Kooperationspartner und Weggefährten notwendiger denn je. Über manchem Irrlicht der politischen Alltagsgischt brauchen wir dringend seinen leitenden Strahl klarer Lichtsignale, um durch tiefe Debatten- und Wellentäler wieder tragenden Untergrund zu erreichen. Als Christ in einer zunehmend säkularen Welt bin ich zudem auch ganz persönlich äußerst dankbar über all die Angebote zur Orientierung, die seit nunmehr 75 Jahren von diesem wertvollen Sturmwarnmast ausgesendet werden. Hoffentlich noch viele weitere Jahre!
Seit 75 Jahren ein Auftrag in einer säkularen Welt
Ein Einsatz für Demokratie und Menschenwürde
Von Claudia Pfrang und Siegfried Grillmeyer, Kompetenzzentrum für Demokratie und Menschenwürde (KDM) Bayern
Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Auftrag erneuert, die Fragen der Zeit im Licht des Evangeliums zu betrachten. Diesem Auftrag stellt sich das Landeskomitee seit 75 Jahren – mit Leidenschaft und Weitblick. Das Kompetenzzentrum für Demokratie und Menschenwürde gratuliert herzlich zu diesem Jubiläum und freut sich auf die weitere Zusammenarbeit: *ad multos annos!*
Zu den drängendsten Fragen unserer Zeit zählt der Schutz der Demokratie. Sie ist heute so gefährdet wie selten zuvor. Rechtspopulistische und autoritäre Strömungen gewinnen weltweit Zulauf, und auch in der Mitte unserer Gesellschaft hat sich ein Klima der Ausgrenzung und Polarisierung verfestigt. Damit wächst die Sorge, dass die Errungenschaften der liberalen Demokratie – Freiheit, Gleichheit und die Würde jedes Menschen – ausgehöhlt werden. Mehr denn je ist daher die Demokratie auf das Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger angewiesen.
Gerade Christinnen und Christen tragen in dieser Situation besondere Verantwortung. Wer das christliche Menschenbild ernst nimmt, sieht in jedem Menschen das Ebenbild Gottes – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder sozialer Stellung. Daraus folgt der Auftrag, dort Partei zu ergreifen, wo Menschenwürde verletzt wird: für Geflüchtete, Schutzsuchende, sozial Benachteiligte und alle, die kaum eine Stimme im öffentlichen Raum haben. Das ist politisch im tiefen Sinn des Wortes – und Ausdruck gelebten Glaubens.
Doch dieser Einsatz verlangt auch Selbstkritik. Wenn rechtsextreme Positionen bis in kirchliche Milieus hineinreichen, dürfen wir nicht wegsehen. Trotz deutlicher Worte der Bischöfe gegen völkischen Nationalismus bleibt die Versuchung, christliche Symbole und Sprache für antidemokratische Ziele zu vereinnahmen, real. Hier braucht es klare Haltung und offene, vertrauensvolle Gespräche innerhalb unserer Pfarreien, Gremien und Verbände.
Das Landeskomitee kann und soll dabei eine entscheidende Rolle spielen – als Stimme der Vernunft, des Mutes und der christlichen Humanität. Für die Menschenwürde einzutreten ist nicht verhandelbar. Es ist unser gemeinsamer Auftrag – gestern, heute und in Zukunft.