Ausgabe: März-April 2026
75 Jahre LandeskomiteeLaien für die Kirche, Kirche für die Gesellschaft
Anfänglich gab es eine enge Zusammenarbeit mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Die Geschichte des Landeskomitees und die vielfältigen Initiativen waren schon immer durch die Konzilslehren gestärkt und werden bis heute in gesellschaftspolitische Engagements umgesetzt.
Meine Teilnahme an den Vollversammlungen des Landeskomitees der Katholiken in Bayern (LK) begann 1976 mit meiner Wahl zum Vizepräsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) als ständig eingeladener Gast. Ab 1985 wurde ich dann immer wieder als sogenannte Einzelpersönlichkeit ins Landeskomitee gewählt. Der gesicherte Informationsfluss zwischen ZdK und Landeskomitee war für beide Seiten von großer Bedeutung. Insofern übernahm ich die Aufgabe des Landeskomitee-Vorsitzenden Ludwig Lillig, der bis dahin zugleich Vizepräsident des ZdK gewesen war.
Diese enge Verbindung der beiden Gremien war bereits bei der Gründung des Landeskomitees von erheblicher Bedeutung. So wie das ZdK in seiner Form, Kompetenz und Tradition weltweit wohl einzigartig ist, gibt es auch das Landeskomitee in dieser Form nur in Bayern. Ein weiteres Beispiel für diese Besonderheit ist die Bayerische Nationalhymne, die problemlos innerhalb der Liturgie gesungen werden kann, da sie Gottes Segen für die Menschen, Städte und Fluren Bayerns erbittet. Es zeigt sich wieder einmal, welcher Vorzug es für ein Land ist, wenn sein Volk – obwohl von recht verschiedenen Stämmen gebildet – über lange Zeit in gleichbleibenden Grenzen lebt. So kann sich über Generationen hinweg aus gemeinsamen Wertvorstellungen ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln.
Gründung des Landeskomitees
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken trat als Geburtshelfer des Landeskomitee auf. Nicht nur, dass der damalige Präsident des ZdK, Karl Fürst zu Löwenstein, zu den Gründungsmitgliedern des Landeskomitee zählte, sondern im Gründungsprotokoll heißt es ausdrücklich: „Der Vorsitzende begrüßt die Anwesenden und begründet die Einladung mit dem Beschluß der Bayerischen Mitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 13.4.1951 in Frankfurt.“ Weiter erklärte Fürst zu Löwenstein, dass die Bildung eines Landesausschusses der Katholischen Aktion in Bayern „auch im Interesse der bestmöglichen Zusammenarbeit mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ liege. Zudem betonte er, dass zwischen dem Heiligen Stuhl und Bayern ein eigenes Konkordat bestehe, dass die bayerischen Bischöfe ihre Angelegenheiten in der Bayerischen Bischofskonferenz gesondert erledigen, ferner dass Bayern ein selbständiges Land mit Gesetzgebung und Verwaltung sei“. Das Protokoll vermerkt schnörkellos: „Diese Auffassung wurde von allen Anwesenden geteilt, worauf der einstimmige Gründungsbeschluss gefasst wurde.“ Damit war das Landeskomitee geboren.
Auch wenn damals die Katholische Aktion wesentlich als „verlängerter Arm“ der Hierarchie verstanden wurde, war dies ein grundlegender Wandel im Kirchenbild. Nicht mehr die feste Burg in strikter Abwehrhaltung gegen moderne gesellschaftliche Entwicklungen, sondern die Kirche als lebendiger Organismus, der sich der Welt zuwendet, sie christlich gestalten möchte und aus christlicher Haltung gesellschaftspolitische Mitverantwortung übernimmt. Das Bild von Laien als verlängertem Arm der Hierarchie trat, wenn auch nicht in der Theorie, so doch in der Praxis zunehmend in den Hintergrund und wurde durch das biblische Bild aller Christen als „Sauerteig“ ersetzt – der nicht „neben der Teigschüssel“ liegen bleibt, sondern in der Welt wirkt.
Rolle der Laien
Diese Sichtweise wurde durch das II. Vatikanische Konzil bestätigt. Es motivierte mit dem kraftvollen Wort, dass jeder Christ und jede Christin „vom Herrn selbst“ durch Taufe und Firmung zum Aufbau von Kirche und Welt berufen ist, also aus einer ureigenen Berufung, die zwar in einem konstruktiven Miteinander mit den Trägern des kirchlichen Amtes zu leben ist, aber grundsätzlich keiner zusätzlichen kirchlichen Anerkennung oder Genehmigung bedarf. Das Wirken von Christen in Kirche und Welt geschieht nicht „im Auftrag des Bischofs, Ordinariats oder Pfarrers“, sondern „im Auftrag Jesu Christi“.
Wenn man vom Herrn selbst berufen ist, kann sich auch niemand mehr darauf hinausreden, es habe ihn kein Bischof oder Pfarrer gerufen. Man kann allenfalls schwerhörig sein.
Das kraftvolle Wort vom „Volk Gottes“, das mitten in der Gesellschaft als Teil von ihr in kritischer Zeitgenossenschaft unterwegs ist, hat nach 1965 das Gesicht und die Arbeit des Landeskomitees der Katholiken in Bayern und anderer Laiengremien bis hin zum Pfarrgemeinderat entscheidend geprägt. Besonders sichtbar wurde dies dadurch, dass die Mitglieder nicht mehr vom kirchlichen Amt berufen, sondern in demokratieähnlichen Verfahren auf Zeit gewählt wurden. Zu dieser Entwicklung trug auch die Würzburger Synode (1971–1975), deren gewähltes Mitglied ich war, wesentlich bei, indem sie eine konkrete strukturelle Ordnung für Laienarbeit schuf.
Die Umsetzung der Konzilsaussagen ins konkrete Leben war und ist der Schwerpunkt der Arbeit des Landeskomitee. Es ist maßgeblich dem Landeskomitee, seinen hochmotivierten und fähigen Vorsitzenden Ludwig Lillig, Ermin Brießmann, Bernhard Sutor, Albert Schmid, Helmut Mangold und Joachim Unterländer sowie der vom Landeskomitee verantworteten Zeitschrift „Die lebendige Zelle“ zu verdanken, dass das Bewusstsein der vielen Tausenden von Frauen und Männern, die sich auf den verschiedenen Ebenen der Laienräte und Verbände von der Pfarrei über die Dekanate und die Diözesanräte bis zur Bundesebene ehrenamtlich engagieren, durch und durch bis in den Wurzelgrund der Motivation konziliar geprägt ist.
Zwei wichtige Konzilsaussagen
Dabei spielen zwei wichtige Konzilsaussagen eine große Rolle: Kirchenkonstitution Lumen Gentium (LG) Nr. 37 und Gaudium et Spes Nr. 1. Sie bilden das, wenn auch meist unausgesprochene, so doch grundlegende Fundament der Rolle der Laien, das ihrer Würde als nicht geweihte, aber getaufte und gefirmte Glieder der Kirche entspricht und ihrer Lebens- und Glaubenserfahrung den richtigen Platz im Leben der Kirche freiräumt und sichert.
LG Nr. 37 wendet sich zwar auf den ersten Blick an die „Hirten“ und empfiehlt ihnen, die Würde und Verantwortung der Laien in der Kirche anzuerkennen und zu fördern, deren klugen Rat gern zu nutzen und ihnen Freiheit und Raum im Handeln zu lassen, ihnen Mut zu machen, aus eigener Initiative Werke in Angriff zu nehmen, liebevoll Meinungen und Wünsche der Laien aufmerksam in Christus in Erwägung zu ziehen und ihre Freiheit, die sie im bürgerlichen Bereich haben, sorgfältig anzuerkennen.
Dazu braucht es aber ein Gegenüber, das Initiativen entwickelt, klugen Rat gibt, Meinungen bildet und vorlegt, Gestaltungswillen und Gestaltungskraft besitzt und Freiheit realisiert, einen Ort, wo sich die Laienarbeit bündelt und zugleich wechselseitig inspiriert, eben die Laienräte, die Verbände und nicht zuletzt das Landeskomitee der Katholiken in Bayern und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Solche regionalen Zusammenschlüsse werden übrigens vom Konzil in Nr. 26 des Laiendekrets nachdrücklich empfohlen. So war die Gründung des Landeskomitees ein Vorgriff auf die Ergebnisse des Konzils.
Wichtige Initiativen
Und das Landeskomitee hat tatsächlich vielfältige Initiativen ergriffen. Sie lassen sich hier nicht alle anführen. Aber erwähnen möchte ich doch den Beitrag zur Gründung der Katholischen Akademie in Bayern, die Herausgabe von „Die lebendige Zelle“, die Begleitung und Mitgestaltung der Würzburger Synode, die enge Zusammenarbeit mit den österreichischen Laienorganisationen und den Ausbau der Partnerschaft zu den so lange unterdrückten Glaubensgeschwistern östlich der bayerischen Grenzen. Und als es galt, an einer wichtigen Weggabelung öffentlich Flagge zu zeigen, hat das Landeskomitee in München eine große Kundgebung für den Verbleib der Kreuze in bayerischen Schulen organisiert, die erhebliche öffentliche Wirkung hatte und neben weiteren Initiativen zu einem gesetzgeberischen Kompromiss geführt hat, der weithin befriedend wirkte.
Nun zur anderen prägenden Konzilsaussage Gaudium et spes Nr. 1, die wohl vielen vertraut ist: „Freude und Hoffnung, Bedrängnis und Trauer der Menschen von Heute, besonders der Armen und Notleidenden aller Art, sind zugleich auch Freude und Hoffnung, Trauer und Bedrängnis der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“
So hat sich das Landeskomitee immer nachdrücklich als Anwalt der Schwächeren, der Notleidenden und Bedrängten verstanden und verhalten, die in unserer Gesellschaft in Gefahr sind, an den Rand gedrückt zu werden, etwa die ungeborenen Kinder, die von Schwangerschaftskonflikten bedrängten Frauen oder die schutzlosen Embryos, die sich nicht erst zu einem willkürlich festgelegten Termin zum Menschen, sondern von Anfang an als Menschen entwickeln, – wenn man sie nur lässt.
So war es nur folgerichtig, dass das Landeskomitee sich von Anfang an nachhaltig hinter prominente (etwa Alois Glück, Hanna Stützle, Max Weinkamm, Hans Maier, Hans Jochen Vogel, Mathilde Berghofer-Weichner, Christa Stewens) und andere katholischen Laien gestellt hat, die sich zusammengetan hatten, um die durch das Gebot von Papst Johannes Paul II. an die deutschen Bischöfe, aus der staatlich anerkannten Schwangerschaftsberatung auszusteigen, entstandene Lücke zu schließen. Sie hatten es für unverzichtbar gehalten, dass eine Beratung Schwangerer im Konflikt auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes im pluralen Staat gesichert erhalten bleibt, und daher in eigener Verantwortung den Schwangerenberatungsverein Donum Vitae e. V. gegründet gegen kräftigen, oft bischöflich angefachten innerkirchlichen Widerstand.
Ich hatte damals als Vizepräsident des ZdK aus Bayern die Gründung des Vereins in Bayern übernommen. Nach einem flammenden Appell des Würzburger Diözesanratsvorsitzenden Norbert Baumann in der Herbst-Vollversammlung 1999 des Landeskomitee, die Gründung eines solchen Vereins als Landeskomitee zu unterstützen und der entsprechenden Zustimmung durch die Versammlung, habe ich den Vorsitzenden Bernhard Sutor in der Sitzungspause gefragt, ob ich die Anwesenheitsliste nochmals in Umlauf geben dürfe, damit sich alle Mitglieder durch ein Kreuz kennzeichnen, die an einer Einladung zur Gründungsversammlung interessiert seien. Prof. Sutor gestattete das. Die breite Mehrheit zeigte sich interessiert an einer Einladung.
Diese Mitglieder waren der „Grundstock“ der Mitglieder von Donum Vitae in Bayern e. V., der inzwischen in Bayern 20 Beratungsstellen unterhält, Tausende von Frauen im Schwangerschaftskonflikt mit Rat und Hilfe zur Seite steht, auch nach der Geburt mehrere Jahre junge Mütter unterstützt, die wegen des Kindes Probleme haben, und weitere Projekte fördert. Und das ohne Bevormundung der Frau, sondern als Anwalt für das Leben der Mutter und des Kindes.
Gesellschaftspolitik
Die Sorge des Landeskomitee galt und gilt auch den Migrantinnen und Migranten unter uns und Arbeitslosen, Alten, Kranken oder Menschen mit Behinderung. Dabei ging und geht es nie nur um Hilfe und Gerechtigkeit im Einzelfall, sondern um die positive Entwicklung lebenswichtiger Räume und Biotope und um Politik, um Gesellschaftspolitik. Neben den Biotopen der Natur und Kultur, war es vor allem der Lebensraum von Ehe und Familie in der Erkenntnis, dass dort Löcher der Geborgenheit und des Zusammenhalts durch schädliche Rahmenbedingungen für die Zukunft der Gesellschaft kaum weniger gefährlich sind als Ozonlöcher.
Auch die Gefahren und Chancen des ländlichen Raumes hat man nicht vergessen und vieles mehr, das ich hier nicht aufzählen kann. Für das Landeskomitee galt und gilt stets, dass Christen sich auch zu gesellschaftspolitischen Fragen nicht nur äußern dürfen, sondern äußern müssen. Ihr Schweigen würde sie als distanzierte Zuschauer ebenfalls zu einem wichtigen, aber negativen politischen Faktor machen.
Auch das Evangelium ist hier klar: Wenn jemand „auf dem Weg nach Jericho“ einen Mitmenschen sieht, der unter die Räuber gefallen ist, mag die Einzelfallhilfe des Samariters genügen. Wenn er aber immer wieder solche Opfer auf seinem Weg sieht, muss er etwas Wirksames gegen die überhandnehmende Räuberei tun. Und das ist Politik.
Für all das darf man heute dem Landeskomitee „Vergelt´s Gott“ sagen.
Ich wünsche dem Landeskomitee: Weiterhin Mut und Sachlichkeit, innere Dialogfähigkeit und Kreativität als Anwalt der Schwächeren und der „kleinen Leute“, die Gott bekanntlich besonders am Herzen liegen, weiterhin Persönlichkeiten aus der Politik, die sich im Landeskomitee engagieren, – und umgekehrt, zuhörende Politiker und Meinungsführer quer über die Parteien und die Medienlandschaft. Und auch in Zukunft ein gutes Verhältnis zu den bayerischen Bischöfen und deren engen Mitarbeitern, damit die hohe Erwartung des Konzils in LG Nr. 37 sich erfüllt: „Aus diesem vertrauten Umgang zwischen Laien und Hirten kann man viel Gutes für die Kirche erwarten“.
Letztlich, und das ist das Wichtigste, denn daran ist alles gelegen: Gottes Segen.