Ausgabe: März-April 2026
75 Jahre LandeskomiteeMeine zehn Jahre im Landeskomitee
In den frühen 1980er Jahren stand das Landeskomitee vor großen Herausforderungen: Die Gründung der hauptamtlichen Geschäftsstelle und die schwierige Anfangszeit, von der Suche nach geeigneten Räumen bis zur Wiederbelebung der Zeitschrift „Die Lebendige Zelle“. Besondere Begegnungen mit führenden Persönlichkeiten des bayerischen Katholizismus und die enge Zusammenarbeit mit den Bischöfen haben diese entscheidende Phase der Laienarbeit in Bayern geprägt.
Es war ein schneereicher, kalter Wintertag Anfang Januar des Jahres 1981. Meine Frau und ich wurden vom damaligen Vorsitzenden des Landeskomitees, Ludwig Lillig, in sein Ferienhaus im Leitzachtal eingeladen. Dort trafen wir überraschenderweise nicht nur die Familie Lillig an. Das gesamte Präsidium des Landeskomitees war anwesend. Man kam schnell zur Sache. Kardinal Josef Ratzinger und mit ihm die bayerischen Bischöfe hätten der Errichtung einer hauptamtlichen Geschäftsstelle des Landeskomitees zugestimmt. Ob ich mir vorstellen könne, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich bejahte die Frage grundsätzlich, bat aber um Bedenkzeit. Ich war damals wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für christliche Sozialethik der Ludwig-Maximilians-Universität München und arbeitete an einer Habilitationsschrift. Die Zusammenarbeit mit Wilhelm Korff empfand ich als äußerst fruchtbar. Sollte ich das alles aufgeben? Korff riet mir, in den kirchlichen Dienst zu wechseln. Nachdem ich die Fragen der rechtlichen Stellung und Aufgabenbeschreibung eines Geschäftsführers und die Frage der Besoldung vorläufig klären konnte, stimmte ich einer Bewerbung zu. Mir war das Aufgabenfeld nicht völlig fremd; denn von Mitte 1968 bis Ende 1969 war ich bereits als theologischer Referent im Diözesanrat des Erzbistum München und Freising tätig. Und dessen Geschäftsstelle hatte damals die Geschäftsführung für das Landeskomitee mit zu leisten.
Im Mai 1981 konnte ich in einem ausführlichen Gespräch mit Kardinal Josef Ratzinger auch etwas über die Hintergründe der Entscheidung der bayerischen Bischöfe erfahren. Ratzinger wusste auch um meine damalige Bewerbung auf eine Professur an der Universität Mainz, die damals noch nicht entschieden war. Er eröffnete mir, dass der künftige Geschäftsführer des Landeskomitees auch dem Vorsitzenden der Bayerischen Bischofskonferenz in politischen Fragen zuzuarbeiten habe. Als er mir dann persönlich riet, die Münchner Stelle anzustreben, wusste ich, dass ich meine Mainzer Ambitionen nicht mehr allzu hoch hängen durfte. Ich bewarb mich also. Das Bewerbungsverfahren verlief positiv. Der Geschäftsführende Ausschuss des Landeskomitees entschied sich nach Anhörung für mich. Die Anstellung selbst verzögerte sich aus mir nicht verständlichen Gründen. Zum 1. Februar 1982 konnte ich dann schließlich die Stelle antreten.
Zwei Baustellen
Erfreut stellte ich fest, dass für die Sekretariatsarbeiten bereits eine versierte Kraft gefunden war: Lieselotte Herz, ein Glücksfall für das Landeskomitee und jetzt auch für mich, flink, kompetent und freundlich-zuvorkommend gegenüber allen Ehrenamtlichen der Verbände und Diözesanräte. Was fehlte, waren geeignete Räume. Die Suche gestaltete sich schwierig. Schließlich konnten wir in der Münchner Schrammerstaße 3 zwei kleine Räume beziehen, allerdings nur vorläufig, weil sie für das zu gründende Bayerische Schulwerk bestimmt waren. Das Provisorium blieb uns viereinhalb Jahre erhalten, bis wir eine endgültige Bleibe in der Schäfflerstraße 9 fanden. Die zentrale Lage erwies sich als vorteilhaft, weil wir für unsere Sitzungen auf diverse Konferenzräume des Erzbischöflichen Ordinariats zurückgreifen durften.
Die zweite Baustelle, die ich vorfand, war ganz anderer Art: Die Zeitschrift „Die Lebendige Zelle“, die im Auftrag des Landeskomitee erschien und für die ich als Geschäftsführer die Herausgeberschaft zu übernehmen hatte. Sie war 1958 gegründet worden. Lange Jahre wurde sie von Georg Thurmair redigiert. Nach ihm übernahm der Zeitungswissenschaftler Hans Wagner die Schriftleitung. Bei meinem Amtsantritt verfügte sie über ca. 6.000 Abonnenten. Das Problem: Die Zeitschrift war nach dem Abgang von Hans Wagner ein ganzes Jahr lang nicht mehr erschienen – eigentlich ein Todesurteil für ein solches Periodikum. Den Rat, der mir auf den Weg mitgegeben wurde, nämlich die Zeitschrift an ein Pressehaus in Aachen zu verkaufen, verwarf ich. Ich fand in Johann Baptist Huber einen im Druckereiwesen versierten nebenamtlichen Mitarbeiter – im Hauptberuf war er Regionalgeschäftsführer beim Diözesanrat München - , der die Zeitschrift zumindest wieder „zum Laufen“ brachte. Eine endgültige Lösung wurde erst im September 1988 gefunden, als Elke Hümmeler, eine Schülerin des Moraltheologen Johannes Gründel, als Referentin in die Geschäftsstelle des Landeskomitees eintrat.
Zu meinen vordringlichen Aufgaben gehörte ein Vorstellungsrunde bei den bayerischen Bischöfen beziehungsweise im vakanten München bei dem damaligen Diözesanadministrator, Weihbischof Ernst Tewes. Erzbischof Friedrich Wetter übernahm den Erzbischöflichen Stuhl in München und den Vorsitz der Freisinger Bischofskonferenz erst im Dezember 1982. Das Verhältnis zu ihm entwickelte sich mit den Jahren zu einem tiefen Vertrauensverhältnis. Entsprechend wuchsen für mich die Aufgaben der Zuarbeit und Beratung in politischen Fragen.
Ein kleines „Who is Who“ des bayerischen Katholizismus
In der Rückschau betrachte ich die Zusammenarbeit mit den führenden Laien in den Diözesanräten und den katholischen Verbänden als den größten Gewinn meines 10-jährigen Engagements beim Landeskomitee. Ich lernte viele führende Köpfe des bayerischen Katholizismus kennen. In Augsburg waren dies Hans Gaugenrieder und Hubert Müllegger sowie der kulturbeflissene Weihbischof Max Ziegelbauer; in Bamberg der Seelsorgeamtsleiter Domdekan Josef Kraus und in seiner Nachfolge Domkapitular Valentin Doering sowie zuletzt Hildegard Leonhardt als Diözesanratsvorsitzende; in Eichstätt Oberbürgermeister Hans Hutter und ihm folgend Bernhard Sutor sowie Domkapitular und Seelsorgeamtsleiter Josef Pfeiffer, dessen Charme sich kaum jemand entziehen konnte; in München die erfahrene und tatkräftige Sozialpolitikerin Hanna Stützle sowie die Prälaten Georg Schneider und Johann Faltlhauser; in Passau der pädagogisch begabte Schuldirektor Georg Rosmus und der aus der Jugendarbeit kommende Domkapitular Eduard Pletl; in Regensburg Valentin Graf Ballestrem und der spätere Generalvikar und Domprobst Wilhelm Gegenfurtner; schließlich in Würzburg Johannes Meisenzahl und Domkapitular (späterer Weihbischof) Alfons Kempf. Sie alle waren geprägt vom Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, das den Laien eine authentische kirchliche Verantwortung zuwies. Und sie standen zudem noch unter dem Eindruck des Ringens auf der Würzburger Synode, die den Geist und die Ergebnisse des Konzils im katholischen Deutschland lebendig halten sollten.
Lillig, Brießmann und Genewein
Die intensivste Begegnung war natürlich die mit den Vorsitzenden des Landeskomitees. Ludwig Lillig, Oberstudiendirektor am renommierten Münchner Max-Gymnasium, war schon mein Chef im Diözesanrat München und Freising. Schon damals kannte ich ihn als sensiblen und vornehmen Pädagogen. Nunmehr erlebte ich ihn als äußerst präsenten Vorsitzenden, der selbst in den Sachausschüssen des Landeskomitees mitarbeitete. Sein Wohlwollen war grenzenlos, auch dann noch, wenn Kritik angebracht gewesen wäre. „Vertrauensvolle Zusammenarbeit“ beschreibt unser Verhältnis unzureichend. Ab dem Jahr 1989 übernahm sein Stellvertreter Ermin Brießmann den Vorsitz. Er leitete drei Senate am Bayerischen Obersten Landesgericht und war damit beruflich voll ausgelastet. Mehr als Lillig war er auf eine funktionierende Geschäftsstelle angewiesen. Da traf es sich gut, dass ab Herbst 1988 Monika Götz (später verheiratete Benker) in Nachfolge von Lieselotte Herz das Sekretariat übernahm. Ich hatte wiederum unwahrscheinliches Glück mit dieser Anstellung. Mehr Entlastung ist kaum vorstellbar. In Brießmann begegnete ich einer Persönlichkeit mit herausragenden Begabungen. Man begegnet in seinem Leben selten einem so hellen Geist, analytisch begabt und zugleich vielseitig den Musen der Malerei und Musik zugetan. Schließlich das Amt des Beauftragten des Bayerischen Bischofskonferenz für das Landeskomitee, das von Anfang an Domkapitular Curt Maria Genewein bekleidete. Im ganzen Land war er als Mentor für die Krankenschwestern und -pfleger in den Kliniken bekannt. Er war Arzt und Theologe zugleich und verwies stolz darauf, „ein richtiger Doktor zu sein“ inmitten der Vielzahl der theologischen Doktores.
Gerne erinnere ich mich an die fruchtbare Zusammenarbeit mit den Geschäftsführern der bayerischen Diözesanräte: Hubert Müllegger (Augsburg) – zugleich auch Vorsitzender, Josef Gorki (Bamberg), Toni Hein (Eichstätt), Peter Gräsler (München), Josef Bonauer (Passau), Willi Seltenreich (Regensburg). Für das enge Zueinander war ich immer dankbar. Auf meine Anregung hin trafen wir uns zu halbjährlichen Konferenzen.
Nicht zuletzt muss ich auf die Vollversammlungen des Landeskomitee zu sprechen kommen, die im Frühjahr und Herbst abwechselnd in den sieben bayerischen Bistümern stattfanden. Die inhaltliche und organisatorische Vorbereitung hatte Vorrang vor allem anderen. Schließlich trat das Landeskomitee mit diesen Konferenzen an die Öffentlichkeit. Bestimmte Vollversammlungen blieben mir besonders im Gedächtnis: zur Migrationsproblematik in Vierzehnheiligen mit Wilhelm Korff; zu konkreten Schritten der Umweltpolitik in Burghausen mit Alois Glück und einer Führung durch das Wacker-Werk; über „Unsere Vergessenen Nachbarn: Die Kirche in der Tschechoslowakei“ in Regensburg mit Nikolaus Lobkowicz; über Umweltethik und Umweltpolitik in Regensburg mit Alfons Auer; über den Schutz der Sonn- und Feiertage in Schweiklberg mit Präsident Josef Stingl.
Eine neue Aufgabe in Bamberg
Bei aller Auslastung hatte ich die Wissenschaft nicht völlig aus den Augen verloren. Als Anfang 1988 Papst Johannes Paul II. die Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“ veröffentlichte, bot mir Professor Korff an, mit ihm einen Kommentar für den Herder Verlag zu schreiben. Wenig später darauf folgte eine gemeinsame Abhandlung über das Prinzip Solidarität, die wir in den „Stimmen der Zeit“ veröffentlichten. Der wissenschaftliche Eros war wieder erwacht. So bewarb ich mich auf die frei gewordene sozialethische Professur an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Im November 1991 erhielt ich den Ruf durch den Wissenschaftsminister. Zum 1. März 1992 übernahm ich den Lehrstuhl für christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie. Meine Tätigkeit für die Katholische Laienarbeit in Bayern war damit beendet. Sie sollte aber – was damals nicht absehbar war – in anderer Funktion im Diözesanrat des Erzbistums München und Freising ihre Fortsetzung finden.