Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: März-April 2026

75 Jahre Landeskomitee

„Orientierung geben — ohne Vereinnahmung“

Kirche, Politik, Öffentlichkeit

Foto: privat

Peter Frey spricht im Interview mit Gemeinde creativ über die produktive Spannung zwischen Kirche und Politik, Medienlogik und Vertrauensverlust, Regeln für guten Streit — und darüber, welche Leitfrage das 75-Jahre-Jubiläum des Landeskomitees prägen könnte.

 

Gemeinde creativ: Wo sehen Sie heute die sinnvollste Schnittstelle zwischen Kirche und Politik — und wo klare Grenzen?

Peter Frey: Ich halte es für falsch, wenn Kirche sich auf Innerlichkeit zurückzieht oder wenn sie von außen, gerade aus der Politik, in eine solche Rolle zurückgewiesen wird. Aus Glauben erwächst Verantwortung für die Welt — bis in den Bestand der Demokratie und die Ordnung, die uns seit 75 Jahren Frieden und Sicherheit ermöglicht hat. Die Frage heute ist doch: Hält dieser Rahmen, und was ist unser konkreter Beitrag? Zugleich ist klar: Kirche ist keine Partei. Wir sollten nicht für Listen und Lager Partei nehmen, sondern für Prinzipien eintreten — Menschenwürde, Minderheitenschutz, Rechtsstaat, Bewahrung der Schöpfung, Kompromiss. Dazu müssen wir ehrlich anerkennen, dass Kirche an gesellschaftlicher Kraft verloren hat. Aber sie hat die Aufgabe und Chance, als Anwältin der Menschen Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

War das ein Bruch oder eher ein langer Wandel?

Ich sehe keinen plötzlichen Bruch. Nach dem Krieg war die Sehnsucht nach moralischer Verankerung groß; zugleich beanspruchte Kirche damals Definitionshoheiten, die ich rückblickend kritisch sehe. Dann hat die Kirche sich stark verändert und gelernt, Teil der Gesellschaft zu sein.. Vieles — etwa Gleichstellung — wurde außerhalb erkämpft und ist innerkirchlich noch immer nicht eingelöst. Entscheidend für die Anerkennung heute ist, die Aura von Unfehlbarkeit abzulegen und sich den Fragen zu stellen, die die Gesellschaft lösen muss.

Wo sollte Kirche Grenzen respektieren — und wo Präsenz zeigen?

Das Wichtigste ist, Nähe zu Menschen in Krisen zu beweisen — bei Verlust, Krankheit, Trennung. Dafür braucht es Zugänglichkeit und weniger Überorganisation. Darüber hinaus sehe ich eine Aufgabe im Gegengewicht zur Zuspitzung. Der zunehmenden Polarisierung, politisch, medial und technologisch, muss eine Instanz gegenüberstehen, die für Miteinander, Gemeinwohl und Zusammenhalt einsteht. So kann Kirche Vertrauen zurückgewinnen.

Welche Rolle trauen Sie Kirchen als Brücken in die Gesellschaft zu?

Politik braucht Institutionen wie Kirchen und Gewerkschaften, um Verbindung in die Gesellschaft zu halten — nicht nur zu Wählerinnen und Wählern, sondern zu Gestalterinnen und Gestaltern vor Ort. Manchmal nimmt die Politik die Kirchen wichtiger als sie faktisch noch sind. Aber es stimmt: Unser Netz reicht bis ins kleinste Dorf! Daraus erwächst Verantwortung — und die Chance, Relevanz zurückzugewinnen.

Wie sollte Kirche kommunizieren — und welche Sprache trägt heute?

Ich plädiere für Selbstbewusstsein, Selbstkritik und Realitätshaftung. Positionen müssen sich an der Wirklichkeit messen: Kita, Tafel, Pflege, Seelsorge — Nähe schlägt Symbolpolitik. Sprache: schlicht, konkret, wahrhaftig. Begleiten und nicht belehren. Sich nicht in identitären Kulturkämpfen verheddern, sondern sich um Basics kümmern: Sicherheit, Arbeit, Wohnungen, Kinderbetreuung, Pflege — und die Bewahrung der Schöpfung. Wird diese Anwaltschaft spürbar, wird Christsein plausibel.

Warum wenden sich Menschen populistischen Angeboten zu — und was folgt daraus?

Es gibt keine einfache Antwort; vieles ist regional verschieden. Aber ein Muster zeigt sich überall: Menschen, die sich als tragende Säule verstanden haben, erleben Ängste — berechtigt oder geschürt. Da geht es um Anerkennung, den Platz in der Gesellschaft, Zukunftssicherheit für sich und die Kinder. Oft fehlen die Worte, an die man sich anlehnen kann. Populismus hat dadurch Spielräume — auch, weil überzeugende Persönlichkeiten fehlen, die Halt bieten. Das gilt für Politik wie für Kirche. Vertrauen ist etwas anderes als Bekanntheit oder Hunderttausende Social-Media-Follower.

Wie verändert Social Media den Streit — bis hinein in Gemeinden?

Ich finde, wir sollten von digitalen Medien sprechen, das Soziale bleibt zu oft auf der Strecke. Die individualisierte Kommunikation setzt Einzelne unter Druck. Jede und jeder sendet, legt sich öffentlich fest; Kompromissräume schrumpfen. Die Bereitschaft, Argumenten zu folgen, sinkt. Alles wird sofort öffentlich; aus einer strittigen Diskussion wird in Echtzeit ein Aufmerksamkeitssturm. Das sind neue Rahmenbedingungen, mit denen auch Pfarrgemeinden umgehen müssen.

Wie kommen wir da raus?

Wir müssen uns vergewissern, was der Demokratie nützt und was ihr schadet — nicht autoritär, sondern über anerkannte Gremien und nachvollziehbare Kriterien. So wie es Geschwindigkeitsbegrenzungen im Straßenverkehr gibt, braucht es Regulierung der Plattformen. Die EU hat mit Digital Services Act und Digital Markets Act einen Rahmen geschaffen. Algorithmen sind nicht neutral, sie wirken wie Redaktionen. Ich wünsche mir, dass Rundfunk- und Fernsehräte sichtbarer an konkreten Fällen den Rahmen öffentlicher Kommunikation durchbuchstabieren.

Sie haben problematische religiöse Strömungen erwähnt. Was bewegt Sie daran?

Mich beschäftigt eine Spielart des Katholischen im Umfeld der US-Tech-Eliten, die die liberale Gesellschaft als Gegenspielerin begreift und zum „Anti-Christen“ stempelt. Das berührt unser Verständnis von Freiheit und Verantwortung. Ich vermisse eine klare, theologisch wie gesellschaftlich tragfähige Antwort auf solche Zeitströmungen.

Welche Personen braucht eine öffentlich wirksame Kirche — und wie werden Laien sichtbarer?

Talkshows laden Menschen ein, die klar, originell und verständlich sprechen. Auch Kirche kann solche Persönlichkeiten hervorbringen — nicht nur Amtsträger, auch Laien. Gefordert ist Führung als Dienst: Bescheidenheit und Selbstbewusstsein zusammen, pastoral ansprechbar und auf Augenhöhe mit der politischen Spitze. Es braucht Mut, Laien vorzulassen — und Mut von Laien, Konflikte auszuhalten.

Was erwarten Sie vom Landeskomitee — und welche Leitfrage würden Sie übers Jubiläum schreiben?

Relevanz statt Ritual. Weniger Papiere, mehr Präsenz. Das Kapillarsystem nutzen: Anliegen von unten hören, bündeln, fachlich zuspitzen, politisch adressieren. Allianzen jenseits der Kirche bilden — überall dort, wo es um demokratischen Zusammenhalt, soziale Gerechtigkeit, Klima, Integration geht.

Die Leitfrage, die ich vorschlage: Wie werden wir bedeutsam für diese Gesellschaft — als Orientierung, nicht als Selbstzweck. Bedeutsam wird man nicht durch Lautstärke, sondern durch Kompetenz und Verlässlichkeit: Halt geben, Konflikte zivilisieren, Gemeinsinn stärken, an der Seite der Demokratie stehen.

Und praktisch: Welche Räume helfen, Schwellen zu senken?

Offene Kirchen, die ihre sakrale Würde bewahren und dennoch Begegnung erlauben: Orte für Gespräch, Kultur, Stille, Kinder. Viele sind unsicher, wie man sich in einer Kirche verhält. Wenn Türen sich öffnen und Zugehörigkeit erfahrbar wird, wächst Vertrauen. Weniger von oben nach unten, mehr von unten nach oben kommunizieren — aus Erfahrungen der Haupt- und Ehrenamtlichen. So wird sichtbar, was Kirche kann: Orientierung geben, ohne Vereinnahmung.

Peter Frey ist Publizist und Moderator. Nach vier Jahrzehnten beim ZDF (unter anderem Chefredakteur 2010 bis 2022) arbeitet er seit 2022 freiberuflich als Publizist. Stellvertretender Vorsitzender im Stiftungsrat der Körber-Stiftung; Mitglied im Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Hält Vorträge, moderiert Gespräche und schreibt eine monatliche Kolumne für @mediasres (Deutschlandfunk). Deutsch-polnische Projekte: Lehre in Lublin und die Reihe „Krisenstories“. Engagement für Erinnerungskultur.


Verfasst von:

Hannes Bräutigam

Redaktionsleiter